»Der Lerche?« rief die Dame rasch und erstaunt.
»Allerdings der Lerche, und ich selber müßte mich sehr irren, wenn Sie sich nicht auch zu dem Vogel besonders hingezogen fühlen.«
»Das ist allerdings und merkwürdiger Weise der Fall« bestätigte Fräulein von Seebald — »aber — aber Sie haben das gehört, was ich vorhin über die Lerche sagte, und ziehen daraus Ihre Schlußfolgerung.«
»Umgekehrt kommen Sie der Wahrheit näher« erwiederte Herr Schultze freundlich — »wie ich schon sämmtliche Phy[pg 142]sionomieen unserer Reisegefährten studirt und überhaupt keine liebere Beschäftigung habe, als die Physionomieen meiner Umgebung genau zu beobachten, und in der deutlichen Schrift, die ihnen die Natur in die Züge gegraben, zu lesen, was sie einst in früherer Zeit gewesen, war mir gleich im Anfang Ihre frappante Aehnlichkeit mit jenem liebenswürdigen Singvogel aufgefallen, und Ihre Bemerkung vorhin, die ich zufällig hörte, traf mich deshalb um so mehr, und machte mich so kühn mich in das Gespräch zu mischen, was ich sonst nie gewagt haben würde.«
»Es wäre doch wunderbar, wirklich wunderbar« meinte Fräulein von Seebald nachdenkend, »aber lieber Gott, die Natur ist ja so reich an noch unerforschten Geheimnissen, daß uns selbst das Unglaublichste wenigstens nie unmöglich scheinen darf — doch« — unterbrach sie sich hier und hielt ihr Taschentuch vor die Nase, »wo um Gottes Willen kommt der entsetzliche, widerliche Tabacksqualm her; er benimmt mir fast den Athem. —«
Das bisher geführte Gespräch hatte dicht vor dem großen Mast, gewissermaßen auf neutralem Grund und Boden zwischen Cajüte und Zwischendeck statt gefunden, wo des Webers Frau an der Leeseite des Schiffes[5] ihren Waschtubben [pg 143]aufgestellt und, nur manchmal kopfschüttelnd dem wunderlichen Gespräche lauschend, rüstig fortarbeitete. Fräulein von Seebald stand ihr gegenüber, mit ihrer linken Hand auf die Nagelbank des großen Mastes gestützt, und die beiden Herren Schultze und Theobald, nach dem inneren Deck zu, vor der Zwischendecks-Luke, die hier hinunter führte. Auf die Nagelbank selber aber, und zwar zu windwärts, hatte indessen, von den in ihr Gespräch Vertieften gar nicht beachtet, den Rücken an die straffangespannten Marsfalle gelehnt, Zachäus Maulbeere Platz genommen, und blies den Qualm aus seiner kleinen schmutzigen Pfeife in dichten Wolken gerade auf die, in so interessantem Gespräch begriffene Gruppe.
»Dem Geruch nach ist das Maulbeere« sagte Herr Schultze auch, ohne nur den Kopf nach ihm zu wenden, »der raucht einen abominabelen Knaster, meiner Meinung nach ein Gemisch von gehackten Tabacksstengeln und Knoblauchsblättern.«
Fräulein von Seebald warf einen flüchtigen Blick dort hinüber, wo der allerdings richtig bezeichnete Mann in unzerstörbarer Ruhe saß, und ohne die Erwähnung seiner auch nur durch eine Bewegung des Kopfes zu beachten. —
»Himmel, welche merkwürdige Gestalt und Physionomie« setzte sie dann leise, gegen Herrn Schultze gewendet, hinzu, »das ist das merkwürdigste Gesicht, das mir in meinem Leben [pg 144]begegnet ist, und ich wäre neugierig, mit welchem Vogel Sie da die Aehnlichkeit fänden.«
»Mit welchem Vogel?« erwiederte aber Herr Schultze rasch, und ebenfalls mit etwas unterdrückter Stimme, von ihrem Nachbar nicht gehört oder verstanden zu werden, »mit dem Amerikanischen Kasuar auf das frappanteste, ja sogar mit einer eigenen wunderlichen Mischung des jetzt ausgestorbenen Geschlechts der Dodos — betrachten Sie nur das Unterkinn.«