»Bah — soviel für Ihre Vergleiche« überraschte sie aber ganz unerwartet der Gegenstand ihrer heimlichen Betrachtungen, der jede Sylbe ihres Gesprächs gehört und selbst die letzte Bemerkung des Cigarrenfabrikanten verstanden haben mußte, mit seiner Antwort; — »ich weiß nicht für was Sie sich selber halten, wahrscheinlich für eine Grasmücke oder für einen Spatz, so viel kann ich Ihnen aber sagen, daß ich vor der Seelenwanderung ein Stieglitz gewesen bin, denn ich hole mir noch mein Wasser und Freßnäppchen von unten herauf wenn ich's brauche, und was Ihre beiden Begleiter anbetrifft, so sieht der eine frappant so aus wie ein unausgewachsener Pfefferfresser, und die Dame hat täuschende Aehnlichkeit mit einer Ente. Das Bischen Räuchern wird Ihnen übrigens miteinander Nichts schaden, denn da wir die Cholera an Bord haben, und wahrscheinlich nach acht Tagen jeder, der noch da ist, eine eigene Coye für sich selber bekommen kann, soll das, wie behauptet wird, als ein treffliches Mittel dagegen gelten.
»Die Cholera an Bord?« rief Fräulein von Seebald vor Schrecken erbleichend, »das wäre ja furchtbar — aber seit wann?«
»Glauben Sie nur kein Wort von dem, was Ihnen dies unglückselige Menschenbild sagt« fiel hier Theobald ein, »Herr Maulbeere spricht wenig, aber wenn er ja einmal den Mund aufthut, ist es gewiß eine Lüge.«
»Sie sollten g'rade dankbar sein« rief aber Zachäus, »daß ich Ihre Aehnlichkeit nur so obenhin berührt habe; bei Ihnen hat man's aber bequem, Sie besorgen das selbst. Habicht« setzte er dabei wie mit sich selber redend und vor sich hin lachend hinzu — »schöner Habichtskopf — Kuckuck — Kuckuck!«
Fräulein von Seebald, die vielleicht nicht mit Unrecht einen Zank zwischen den Männern fürchtete, und selber nicht gewillt war, sich hier beleidigen zu lassen, zog sich, mit einer leichten Verbeugung gegen Herrn Schultze und Theobald, die diese ehrfurchtsvoll erwiederten, rasch in die Cajüte zurück. Die beiden Passagiere dachten aber gar nicht daran sich mit dem groben Menschen in einen Wortkampf einzuladen, sondern gingen, ohne ihn weiter eines Worts oder Blicks zu würdigen, von ihm fort nach vorn zu. Ebenso war des Webers Frau zuletzt genöthigt ihren Stand zu verändern, weil sie es in dem jetzt voll nach ihr herüber ziehenden stinkendem Qualm des Scheerenschleifers nicht aushalten konnte, während dieser, innerlich lachend über den vollständig errungenen Sieg, auf behauptetem Schlachtfeld sitzen blieb, und wie ein Diminutivdampfer den Qualm seiner Pfeife in regelmäßigen, und kurz abgebrochenen Stößen von sich bließ.
Nicht weit von dort saßen die drei, erst von dem Leuchtschiff bei Nacht und Nebel an Bord gekommenen Passagiere, [pg 146]die sich bis jetzt noch immer still und zurückgezogen von den anderen gehalten, und fast mit Niemandem ein Wort gesprochen hatten. Der eine schnitzte eine zusammenhängende Kette aus einem Stück weichem Holz, der andere flocht ein Uhrband aus Pferdehaaren und der dritte lehnte, den Kopf in beide Hände gestützt, auf der oberen Reiling und schaute ziemlich theilnahmlos über Bord hinaus ins Meer.
Es waren drei, eben nicht einnehmende Gestalten, mit finsteren verschlossenen Gesichtern, der Jüngste sogar mit frechen breiten Zügen, über die sich nur manchmal ein leichtes hämisches Lächeln stahl, wenn er seinem Kameraden irgend eine Bemerkung über die, vor ihnen auf und abgehenden theils beschäftigten theils unbeschäftigten Passagiere mittheilte. Ihre Röcke schienen dabei aus einem Stück groben, aber ganz neuen Tuches gefertigt, mit gleichem Schnitt und gleichen Knöpfen, und der Ort, aus dem sie gekommen, war bald auch den übrigen Passagieren kein Geheimniß mehr — das Zuchthaus stand ihnen zu klar und deutlich an der Stirne geschrieben. Freilich ließ sich ihnen darüber Nichts beweisen; als Passagiere an Bord hatten sie dieselben Rechte mit den anderen, und den stämmigen untersetzten Gestalten gegenüber wagte auch Keiner etwas davon gegen sie selber zu äußern; aber untereinander flüsterte man sich seinen Verdacht erst schüchtern, dann offener zu, und Steinert besonders sprach, aber immer außer Hörweite der drei dabei besonders interessirten Personen, offen seine Entrüstung darüber aus, daß ihr Schiff wie ihre ganze Gesellschaft durch solche Kameraden entehrt würde, und sie sich [pg 147]das eigentlich gar nicht brauchten gefallen zu lassen. Was aber dagegen thun? — Das Schiff war unterwegs, von Land keine Spur mehr zu sehen, und in einem offenen Boot hätte man die Leute, sie mochten nun sein was sie wollten, auch nicht aussetzen können und dürfen. Aber die Zwischendeckspassagiere zogen sich von ihnen zurück, die über ihnen befindliche Coye weigerte sich mit ihnen zugleich »Fleisch zu fassen« was immer für doppelte Coyen ausgetheilt wurde, während der Untersteuermann, der die Austheilung des Proviants unter sich hatte, auch nicht den geringsten Anstand nahm ihnen eine besondere Abtheilung zu gewähren.
Die drei Burschen fühlten dadurch wohl, daß man sie als das erkannt was sie waren — Verbrecher, die man hatte zu Hause los sein wollen und jetzt nach Amerika schickte — schienen aber nicht böse darüber und hielten sich, wie schon gesagt, still und abgesondert für sich selbst.
»Das ist künstliche Arbeit und lernt sich nicht alle Tage« redete sie da von einem der Passagiere eine Stimme an, und der Mann mit den kurz abgeschnittenen schwarzen Haaren, dessen Gesicht jetzt noch überdieß die schwarzen Stoppeln eines etwa vierzehntägigen unrasirten Bartes trug, nahm auf einem der Wasserfässer dicht vor ihnen Platz und sah, die Ellbogen auf seine Knie gestemmt, ihrer Beschäftigung ruhig zu — »wie lang habt Ihr gebraucht bis Ihr's so weit brachtet?«
Der junge Bursch sah etwas überrascht zu ihm auf, und mit einem flüchtigen Blick über die Gestalt hin brummte er: —