»Bah, aufhängen« rief Herr von Hopfgarten verächtlich — »darin bewährt sich gerade der Mann, den Kopf in schwierigen Situationen aus der Schlinge zu halten.«

»Jedenfalls sollten Sie sich dann den langen Menschen aus dem Zwischendeck, ich glaube es ist ein Schneider« sagte Herr von Benkendroff ruhig »zum Begleiter, gewissermaßen als Sancho Pansa mitnehmen; Ihr Zug würde dadurch einen gewissen historischen Werth bekommen.«

»Spotten Sie nur« lächelte aber Herr von Hopfgarten gutmüthig — »Jeder sucht sein Vergnügen auf seine eigene Weise, und Don Quixote, einige verrückte Marotten abgerechnet, war ein ganz achtungswerther Charakter — seine Kurz[pg 173]sichtigkeit muß übrigens Vieles bei ihm entschuldigen, und ich habe ein Auge wie ein Falke.«

»Im Zwischendeck ist allerdings ein Mann der für Sie passen würde Herr von Hopfgarten,« fiel aber hier das Fräulein von Seebald ein, »ein junger Dichter, der ebenfalls noch nicht in dem Alltagsleben der Welt zu Grunde gegangen, und keineswegs daran zu zweifeln scheint, dem Leben auch noch eine poetische Seite abzugewinnen. Nur in der That bewährt sich der männliche Charakter;« setzte sie mit einem Seitenblick auf Herrn von Benkendroff hinzu, der aber an diesem vollkommen abprallte.

»Vortrefflich!« rief da die muntere Clara — »Herr von Hopfgarten kann dann die amerikanischen Riesen und Ungeheuer bekämpfen, und sein Begleiter gleich die Thaten besingen; ich subscribire von vornherein auf ein Exemplar.«

»Ihnen, meine gnädige Frau« lachte aber der kleine Mann, »dedicire ich das Werk, und werde mir von Ihnen noch ganz besonders eine Schleife oder einen Handschuh ausbitten, nach ächter Ritterart am Hut zu tragen.«

»Ein Wort ein Mann« rief die junge Frau, ihren linken Handschuh lachend abziehend und dem neuen Ritter zuwerfend — »hier ist das Pfand, und bedenken Sie, daß ich es nur mit dem Blut der Feinde getränkt zurückerwarte.«

»Gnädige Frau!« rief da der kleine Mann, begeistert von seinem Stuhle aufspringend — »nur mit meinem Leben trenne ich mich wieder von dieser Gabe, bis ich sie in würdiger Weise [pg 174]zurückerstatten kann, und hier unser bequemer Freund Benkendroff selber —«

Seine weitere Rede wurde durch das Heraufstürmen der Matrosen auf das Quarterdeck unterbrochen, die, so ehrerbietig sie sonst dasselbe betraten, jetzt ohne weiteres Ceremoniell und in größter Eile anfingen die aufgerollten Falle von den Nägeln herunter auf Deck zu werfen, wobei sie den überrascht aufspringenden Passagieren sehr ungenirt die Sessel aus dem Weg rückten. Zu gleicher Zeit sahen diese wie ein Theil der Mannschaft, gelenk wie Katzen, an den Wanten[9] hinauflief; die leichteren Segel flatterten dabei aus, und wurden eingeholt und befestigt, die leeren Raaen[10] queer gebraßt, und auf den Marsraaen, dessen Segel in der frischer werdenden Brise schlug und flappte, lagen die Leute mit der Brust auf, die Füße gegen das scharfangespannte Lauftau gepreßt und mit dem Oberkörper in freier Luft hängend, das ausschlagende schwere Segeltuch zu fassen und einzuziehen, um es in die Reefbänder zu schlagen, und kleinere Fläche der Leinwand einem jedenfalls erwarteten Sturm zu bieten.

Die Passagiere sahen allerdings im Anfang erstaunt auf und umher, denn das Wetter war, bei fast völliger Windstille, mild und warm gewesen, und eine leichte Brise, die sich nach und nach erhoben und das Schiff wieder langsam durch die klare, fast spiegelglatte Fluth trieb, von ihnen wohl freudig begrüßt worden, aber keinem als irgend Gefahr drohend erschienen. Der erste überraschte Blick umher überzeugte aber bald alle, selbst die größten Laien in der Wetterkunde, daß der sonnige Morgen einem stürmischen Mittag werde weichen müssen. In Nord-Westen stiegen schwere dunkle Wolkenmassen auf, die dem Wasser schon ihren fahlen Bleiglanz mitzutheilen begannen, über die See zog es in dunkelstreifigen, flüchtigen Kräuselwellen, wie die Vorboten des nahenden Wetters, und als die schwache Brise endlich wieder vollständig erstarb, die düstere Wolkenmasse aber, die bis jetzt fast auf dem Horizont gelegen, mit rasender Schnelle höher und höher stieg, da bat der Capitain, der bis dahin an Nichts anderes gedacht hatte, als sein Schiff auf das kommende Wetter vorzubereiten und seine Segel zu bergen, die Passagiere dringend, hinunter in die Cajüte und dem Unwetter aus dem Wege zu gehn, daß sich die Mannschaft frei bewegen könne. Fast alle fügten sich auch dem Wunsch nur zu bereitwillig, die meisten selber froh unter dem schützenden Dach der Cajüte den Ausbruch des Sturmes erwarten zu dürfen; nur Herr von Hopfgarten holte sich rasch seine geölten Seemannskleider, die er sich zu diesem Zweck besonders angeschafft, hervor, zog sie an, setzte seinen[pg 176] Südwester[11] auf, und stieg, die Hände in die Taschen schiebend, wieder an Deck, dem Sturm »die Wetterseite zu bieten.«