Diese unheimliche, und einem heftigen Orkan sehr oft vorhergehende Stille dauerte aber nicht lange; im Nord-Westen nahm der Meeresspiegel eine vollkommen dunkle Färbung an, wie sich die Kräuselwellen da vor der heranbrausenden Windsbraut hoben, und als die Windsbraut herankam und das Schiff faßte, durch die Blöcke und Taue pfiff und über die nackten Raaen heulte, fegte sie auch schon die oberen Tropfen von den aufspritzenden, wie ängstlich zuckenden Wellen, und lehnte sich jetzt hinein in das Meer, das ruhige aufzurütteln aus seinem Schlaf.

Hui wie es da drängte und bohrte und die Segel faßte und schüttelte, die es noch wagten ihm Trotz zu bieten, während es dem stöhnenden Schiff pfeilschnell die bäumenden Wogen entgegenjagte; wie die Masten ächzten und sich elastisch der furchtbaren Kraft beugten, und die schweren Raaen in ihren Ketten klirrten und die Falle, und Taue zum Zerspringen spannten. Aber machtlos griff der Sturm in das künstliche Gebäu, das des kecken Menschen Hand, selbst seinen Schrecken zum Trotz, muthig und sicher über die brausenden Wogen führte; zur rechten Zeit waren alle überflüssigen Segel geborgen und die nöthigsten dicht gereeft, dem Orkan so kleine Fläche als möglich zu bieten, und was noch stand, an dem konnte er[pg 177] rütteln und reißen und seine Kraft versuchen; die Leinwand war stark und neu und die Taue hielten seinem wildesten Sprung und Drang.

Aber die Passagiere hatte er überrascht, denn sie waren bis jetzt an ruhiges Wetter und ziemlich gleichmäßigen Wind gewöhnt, der es den Leuten erlaubte ihre Segel in Ruhe zu setzen oder einzunehmen. Die nöthigen Befehle waren dabei auch natürlich in aller Ruhe gegeben, und von den Leuten eben so ausgeführt worden; das aber änderte sich jetzt wie mit einem Zauberschlag, und in dem wüsten Lärm der Seeleute, dem sich das Toben der Elemente gesellte, schien dem Laien jede Ordnung im Schiff gerade in dem Moment gelöst und aufgehoben, wo die Gefahr zum ersten Mal mit eiserner Faust an ihre Planken schlug. Die Offiziere schrieen ihre Befehle, jedem Ohr unverständlich und in dem Heulen des Sturmes wild und ängstlich klingend, über Deck, die Matrosen selber stürzten herüber und hinüber, die Segel hingen eine Zeitlang gelöst und schlugen an die Masten, die Taue fuhren wirr durcheinander, und die Hast, mit der die zum Reefen aufgeschickten Leute nach oben eilten, nach rasch ausgeführtem Befehl wieder an den Pardunen niederglitten, und die Raaen dann unter dem schrillen Ruf des Steuermanns und dem ihnen so ängstlich klingenden Taktsang der Matrosen aufgezogen wurden, bestätigten bei Vielen den schlimmsten Verdacht, und machte ihre Herzen rascher klopfen.

Die Cajüte konnte sich da noch eher Raths erholen; besorgte, an die Steuerleute oder den Capitain gerichtete Fragen [pg 178]der Damen, wurden beruhigend beantwortet, und die Gewißheit gerade, mit der die Offiziere den Sturm vorausgesehn, und die nöthigen Vorkehrungen dagegen getroffen, hatte schon an sich etwas Trost und Vertrauen Erweckendes. Schlimmer sah es dagegen im Zwischendeck aus, wo eine Menge Frauen und Kinder, in den engen dunklen Raum gebannt, über dem sie nur das unheimlich rasche Laufen der Seeleute und das Heulen des Sturmes hörten, durch ihr Jammern und Stöhnen und Wehklagen die Verwirrung, die überdieß schon unten herrschte, noch arg vermehrten.

Wie dabei der Wind über die See tobte, hoben sich die Wellen höher und höher, das Schiff fing an zu stampfen und in den anstürmenden Wogen herüber und hinüber zu schlingern, daß in dem dumpfigen Raum hie und da schon wieder die Seekrankheit ihren Arm nach einzelnen unglücklichen Opfern ausstreckte. Die um die Mittelstützen des Zwischendecks befestigten Koffer und Kisten schurrten dabei, so weit es ihnen die nach und nach locker gewordenen Taue gestatteten, mit der Bewegung des Schiffes bald nach dieser bald nach jener Seite, und drohten in der That sich nach und nach völlig loszuarbeiten aus ihren Banden, wie einzelne Schachteln mit unvorsichtig dort aufgespeicherten Vorräthen, Stücken Fleisch und Zwieback, Zwiebeln und Kartoffeln, oder auch nachlässig aufbewahrte Gefäße und Flaschen, plötzlich laut wurden und hervorpolterten, den Passagieren dadurch einen ungefähren Begriff gebend, was sie zu erwarten hätten, wenn sich das schwere Gepäck losscheuere und mit seinem Gewicht und den scharfen[pg 179] Ecken und Kanten über sie hereinbreche und herüber und hinüber schleudere.

Einige der Zwischendeckspassagiere machten sich nun zwar bereitwillig daran, einer solchen Fatalität durch festes Schnüren der Taue in Zeiten vorzubeugen; bei dem immer stärkeren Schaukeln des Schiffs wurde das aber mehr, als sie auszuführen vermochten; das Arbeiten in dem niederen dumpfen Raum machte sie schwindlich und übel, und Matrosen mußten zuletzt zu Hülfe gerufen werden, die gelösten und nicht wieder ordentlich befestigten Taue, die jetzt hie und da nachgaben, auf's Neue zu verbinden und Unglück zu verhüten.

Was übrigens im Anfang selbst dem Capitain nur als ein eben so rasch wie es gekommen, vorübergehendes Gewitter geschienen, artete zuletzt wider Erwarten in einen ordentlichen Sturm aus, der mit der untergehenden Sonne neue Kraft gewann. Die Segel blieben dicht gereeft, die Luken wurden, des niederströmenden Regens wegen, mit getheerter Leinwand überhangen, und die Wellen wuchsen natürlich, durch ihre eigene Schwere von Stunde zu Stunde, bis sie die weisgekrönten Kämme, wie funkelnde Mähnen, im Ansturm gegen den starken Bug des Schiffes trugen, und ihre Stirnen wild und dröhnend, immer und immer wieder vergebens, dagegen schmetterten.

Die Haidschnucke kämpfte sich indessen still und unverdrossen ihre Bahn, während der Widderkopf, den sie als Brustbild auf der Gallion vorn trug, ihr alle Ehre machte. Den starken Nacken gebogen, einem wirklichen Widder gleich, setzte [pg 180]er zum Stoß ein, den anprallenden Wogen gegenüber, und wenn sich die hochaufbäumenden an ihm brachen, und schäumend und brausend ihre Sturzseen über Deck warfen, stieg er fest und trotzig, von dem glühenden Meeresschaum hell erleuchtet, daraus empor, den wilden wüsten Schlachtplan überblickend, und es war fast, als ob er sich einen neuen Gegner herausfordernd suche, zum Kampf auf Leben und Tod.

In der Nacht gab es wieder viele Kranke an Bord, und Stöhnen und Aechzen, Beten und Fluchen tönte aus dem niederen dunklen und dumpfigen Raum empor, dem nur manche mal eine bleiche, sich überall krampfhaft anhaltende Gestalt entstieg, den Schiffsbord zu suchen, sich daran festzuklammern, und was sie drückte, hinüber zu werfen in die boshafte tückische See. Wehe dem Armen dann, wenn er mit schwindelndem Hirn, und von dem ihn umrasenden Sturm betäubt, die Leeseite, nach der er sich zu wenden hatte, mit der Luvseite verwechselte, und gegen den Wind seinem Leiden Luft machen wollte; der boshafte Sturm warf ihm das dann gewiß erbarmungslos wieder zurück und entgegen, und eine nachstürzende See spühlte den Armen vielleicht mitleidig dem nach, nach Lee hinüber, von wo er sich triefend und betäubt die Bahn wieder nach unten suchen mußte, seiner dunklen Coye zu.

Oh wie lang, wie entsetzlich lang dauerte die Nacht, in der selbst den Gesunden das Kreischen der Kinder, das Jammern der Frauen, das Stöhnen und Aechzen der Seekranken, wie das Werfen der Falle und das Stampfen der Matrosen an Deck, jeden Augenblick Schlaf raubte oder verkümmerte.[pg 181] Dabei peitschte draußen die Fluth, die schwachen Planken, die sie allein von der Unendlichkeit trennten, und die furchtbaren Stöße, mit denen der scharfe Bug des Schiffes den anprallenden Wogen begegnete, während ganze Fluthen von vorn nach aft über Deck strömten, machten den mächtigen Bau bis in den Kiel hinab erzittern, und füllten oft die Herzen selbst der Unerschrockensten mit jenem eigenthümlich unbehaglichen Gefühl, daß Holz und Eisen doch am Ende nicht auf die Länge der Zeit solchen unermüdlichen, unausgesetzten Anprallen werde widerstehen können. Und wenn es brach? — wenn sich die tolle Fluth die Bahn erzwang in die jetzt Leben gefüllten Räume, wenn die gierigen, donnernden Wogen nur einen Zollbreit Raum gewannen, nur daß sie Halt bekamen an dem Mark des Schiffs, was dann? — ein wilder Todeskampf, ein Angstgeschrei, der den inneren Raum erfüllte, und mit den Wogen machtlos kämpfend rangen hunderte von Wesen, deren Herzen jetzt noch warm und hoffend schlugen — rangen und versanken, der nächsten Sonne nur in wenig einzeln treibenden Hölzern den Ort verrathend, an dem die Tiefe sie verschlang.