»Was ist — was giebts?« riefen die Leute durcheinander, und der Steuermann faßte den halb Rasenden und frug ihn, was geschehen sei; dieser aber riß sich los und bat und flehte, nur den Arzt aus der Cajüte zu holen, damit dieser der Unglücklichen beistehn könnte, die plötzlich wahnsinnig geworden wäre.
Wahnsinnig, es ist ein furchtbares Wort, und der Sturm heulte seine tolle Weise darein, die Masten knarrten und ächzten und durch die Blöcke pfiff es wie in wilder unheimlicher Luft.
»Der Arzt — wo ist der Doktor!« riefen die Leute jetzt durcheinander, den Sturm fast vergessend über die augenblickliche, dringendere Noth des Mitpassagiers — »der Doktor!« und selbst der Steuermann, der sich sonst wahrlich nicht beeilte, wenn ein Zwischendeckspassagier oder ein Passagier überhaupt, einen Wunsch aussprach, sprang in die Cajüte hinein, den »Doktor« herauszuklopfen, damit er helfen könne, wenn hier überhaupt menschliche Hülfe noch möglich war.
Der Doktor lag angezogen in seiner Cajüte auf dem Bett, und sprang bei dem ersten Ruf schon rasch und bereitwillig auf, aber er sah selber todtenbleich aus, und ein neuer Angriff der Seekrankheit, mit der Angst um das eigene Leben, hatte ihm jeden Blutstropfen zum Herzen zurückgejagt.
»Doktor machen Sie rasch — eine Frau ist im Zwischendeck wahnsinnig geworden — Sie müssen helfen!« rief der Steuermann.
»Eine Frau wahnsinnig?« stöhnte der unglückliche Sohn Aesculaps — »das ist ja entsetzlich, das ist ja gar zu traurig — was werden — was werden wir ihr denn da gleich eingeben —«
»Sehn Sie sich die Kranke nur erst einmal an« rief aber der Steuermann ungeduldig, als der Doktor in allen seinen[pg 188] Taschen nach seinem Besteck an zu suchen fing — »bis Sie hinunterkommen kann sie todt sein, wenn Sie so lange machen.«
»Ja wenn das aber so schnell geht« sagte der arme Hückler in Verzweiflung, »dann werde ich ihr mit meinem Besuch auch nicht mehr viel helfen können — das ist eine verzweifelte Geschichte und indessen der Sturm« — murmelte er vor sich hin, als er die niedere halbe Treppe an Deck hinaufstieg und sich oben gleich anhalten mußte, auf dem spiegelglatten Deck, nicht nach Lee zu geworfen zu werden — »heilige Dreifaltigkeit, Steuermann, das Deck geht Einem ja unter den Füßen fort — das Schiff ist zu schwer auf der einen Seite.«
»Hätte bald was gesagt,« murmelte aber der alte Seebär zwischen den Zähnen durch, während er ihn auf der linken Seite stützte, daß er nur rascher vorwärts kam.
Unter Deck hatte sich indessen eine Gruppe von Frauen meist um die unglückliche Tischlersfrau gesammelt, die sich den Händen der sie haltenden Männer fortwährend zu entwinden suchte, und dabei laut lachte und schrie, und wunderliche, verslose Lieder sang. Der junge Donner, während er sich mit der linken Hand selber fest an der nächsten Coye hielt und seinen linken Fuß zwischen die dort befestigten Kisten eingeklemmt hatte, hielt sie mit dem rechten Arme umschlungen, daß sie sich nicht selber von ihrem Stand herunterstürzte, und Leupold, mit Herrn Mehlmeiers Hülfe, suchte sie auf der anderen Seite zu stützen und zu beruhigen und sie nur zu bewegen, daß sie sich erst einmal wieder in ihre Coye lege.