Ueber dieser von einer gewöhnlichen Schiffslaterne be[pg 189]leuchteten Gruppe, oben an der steilen, in das Zwischendeck niederführenden Treppenleiter, erschien jetzt der Doktor, und mußte mit Gewalt den Ekel bezwingen, der ihm bei dem furchtbaren Schaukeln des Schiffs, und dem warmen, von unten zu ihm aufströmenden Dunst des inneren Decks zu erfassen drohte. Gerade aber, als er sich umdrehte um niederzusteigen, sah und erkannte ihn die Frau und schrie auf, als ob sie einen Geist erblickt »Er will mich würgen — er will mich würgen.« Der arme Doktor, überdieß nicht auf festen Füßen, drehte sich bei dem Schrei halb um, rutschte auf seinem schlüpfrigen Stand aus und glitt halb, halb fiel er mitten zwischen die Gruppe hinein.

»Hahahaha!« lachte da die Unglückliche hell und laut auf — »hahahaha, er hat den Hals gebrochen, er hat den Hals gebrochen« und sank besinnungslos zurück in Georg Donners Arm, während ihr Mann kaum noch Zeit behielt, sie mit zu unterstützen.

Hückler hatte sich indessen rasch und erschreckt wieder erhoben, und während er sich an der Treppe und den Kisten zu der Patientin hinfühlte, riß Hedwig ihre Matratze aus dem eigenen Bett, sie der Frau vor der Coye unterzubereiten, und kauerte dann neben ihr nieder, ihren Kopf zu unterstützen. Dem Doktor wurde indessen mit kurzen Umrissen die mögliche Ursache des Unglücks mitgetheilt, das der arme Tischler von einem Sturz herrührend glaubte, den die Frau an dem Morgen gethan. Sie war dabei mit dem Hinterkopf gegen eine Kistenecke geschlagen, und trotzdem, daß sich kein Zeichen äußerer[pg 190] Verletzung deutlich machte, viele Minuten lang bewußtlos liegen geblieben; hatte auch nachher, als sie wieder zu sich kam, über Kopfschmerz geklagt, sich jedoch sonst wohl befunden, bis der Sturm an dem Abend überhand nahm, und nun die Angst, vielleicht das Uebel verschlimmernd, die frühere Verletzung des Hirns zum Ausbruch drängte.

Dr. Hückler hatte indessen den Puls der Kranken in seiner Hand gehalten, und befand sich in größter Verlegenheit, was ihm in diesem Fall zu thun oder zu lassen bliebe. Der Wahnsinn, weder in seinem Ursprung, noch seiner Wirkung, stand nicht in dem Medicinbuch mit angegeben, und so viel und sorgsam er sich auf fast alle übrigen Krankheiten und Zustände vorbereitet, so wenig hatte er einen solchen Fall für möglich gehalten, ja in der That nicht einmal daran gedacht. Aderlassen! das blieb das Einzige — er hatte auch eine wirkliche Schwäche für Aderlassen, und es befand sich nicht eine Person an Bord, die seine Hülfe in Anspruch genommen, sei es für was auch immer, und ohne einen Aderlaß davongekommen wäre. Keinenfalls konnte der schaden. Sein Besteck also, das er, als er die eigene Coye verließ, fast instinktartig zu sich gesteckt, herausnehmend, ging er auch ohne weiteres daran, die Operation mit gewohnter Fertigkeit vorzunehmen. Georg Donner unterstützte ihn dabei nach besten Kräften und Doktor Hückler, der dadurch wieder seine ganze frühere Zuversichtlichkeit erlangt hatte, verordnete noch, ehe er das Zwischendeck verließ, und als die Kranke wieder Zeichen zurückkehrenden Bewußtseins gab, sie jetzt fest in ihre Coye zu packen, [pg 191]mit Kissen wohl zu verwahren, damit sie nicht herausfallen könne, und sie die Nacht durch ordentlich und fest schwitzen zu lassen.

Georg Donner wollte hiergegen Einspruch thun, Doktor Hückler aber, dem durch den langen Aufenthalt im Zwischendeck selber wieder der Schweiß auf die Stirn trat, und dem es wüst und unbehaglich zu Muthe wurde, hatte seine Instrumente schon zusammengepackt, und verließ rasch den dumpfigen Raum. Donner aber stieg, ohne weiter ein Wort zu verlieren, ebenfalls an Deck, holte einen Eimer voll Seewasser herunter, den er an einen der in den Queerbalken befestigten Haken hing, ließ sich dann von Leupold ein reines Handtuch geben, das er mit dem kalten Wasser netzte, und rieth ihm, die Frau vor der Coye auf der Matratze liegen zu lassen, und ihr fortwährend kalte Umschläge auf die fieberglühende Stirn zu legen, die Hitze daraus zu bannen. Hedwig, die nicht von der Seite der Kranken wich, übernahm das Amt, die Umschläge zu erneuern, und trotz dem furchtbaren Stampfen des Schiffes, das gegen die mit jeder Stunde höher wachsende See fortwährend anzukämpfen hatte, wurde endlich Ruhe im Zwischendeck. — Die Passagiere fanden, daß die Gefahr nicht so nah sei wie sie geglaubt, und ergaben sich endlich — was sie hätten gleich von Anfang an thun sollen — ruhig in ihr Schicksal.

Der nächste Morgen brach trüb und eben noch so stürmisch an; mit der ersten Dämmerung war es fast, als ob sich der Wind etwas legen wollte, wie aber die Sonne roth und flammend aus dem schäumenden Wogenkessel sich hob, gewann [pg 192]der Sturm neue Kraft und heulend und rasend fegte er die See. Hei wie er die mächtigen, mit durchsichtigen Kronen überworfenen Wogen faßte, die Schulter dagegen stemmte, und die bäumenden Kämme aufgriff und in Silberperlen über die grollende See hinaus streute; wie er sich in die fliegenden Berge wühlte und ihnen den Boden unter den Füßen wegriß, neue zu bauen mit einem mächtigen Hauch; wie er sie tanzen ließ die gewaltigen Rosse der See, die in unabsehbaren Reihen sich stürzend und drängend, vor ihm flohen, und seine starke Faust doch immer und immer wieder im Nacken fühlten, wie Sporn und Peitsche, sie zu wilderem Lauf zu treiben, zu rascherem Sturz. Ha wie das kochte und gohr in den Kesseln und Schluchten, und die Schaumesadern zu wirbelnden Trichtern in die Tiefe zog. Schlag auf Schlag donnerte dabei der Wogen Schaar gegen den zerpeitschten Bug des wackeren Schiffes an, doch Stoß um Stoß erwiedernd hob sich das wie mit wachsendem Muth, als der grimme Feind ihm wuchs, auf dessen Nacken, die klare perlende Fluth von den Schultern schüttelnd, dem neuen Gegner keck die Stirn zu bieten. Wie die Wolken über den mattblauen Himmel jagten, als ob sie die Sonne verscheuchen wollten in ihr tobendes Bett und die Möve mit schrillem Ruf ihre Kreise zog in Lee des Schiffs, ein böses Zeichen für den Seemann, der dann wohl sicher weiß daß er noch schweres Wetter zu überstehen hat, trotz Sonnenschein und Licht.

Die Kranke im Zwischendeck hatte die Nacht indessen ziemlich ruhig verbracht; der starke Blutverlust, wie die kalten Um[pg 193]schläge um Stirn und Schläfe, die Hedwig ihr ununterbrochen aufgelegt (denn Leupolds eigene Mutter war selber so seekrank daß sie den Kopf nicht in ihrer Coye heben konnte) schienen ihren Zustand, wenn auch noch nicht ganz gehoben, doch wesentlich verbessert zu haben. Auch die übrigen Passagiere, mit Ausnahme vielleicht von sechs oder acht, wurden das Schaukeln nach und nach gewöhnt, und ängstigten sich nicht weiter über die Sturzseeen, die ihnen wohl ein paar Tons Wasser über Deck schleuderten, aber weiter eben keinen großen Schaden thaten, viel weniger denn die Sicherheit des Schiffes selbst gefährdeten.

Am wackersten hielt sich bei diesem Unwetter die Cajüte, deren Passagiere aber auch luftigere und geräumigere Lager und bessere und leichtere Kost hatten, der Seekrankheit zu begegnen. Nur Fräulein von Seebald hütete an dem Tage noch ihr Bett, heftiger Kopfschmerzen wegen wie sie sich entschuldigen ließ, sonst waren Alle munter und auf den Füßen, und selbst der Mittagtisch versammelte sie heute, wie in stiller Zeit.

Böse Arbeit aber gab es dabei für den Steward und Cajütenwärter, Geschirr und Speisen nicht allein glücklich von der Cambüse über Deck in die Cajüte zu schaffen, sondern auch dort so zu stellen und zu befestigen, daß sie durch das tolle Springen des Schiffs nicht vom Tisch heruntergeworfen wurden. Ein eigenes Gestell, das Herr von Benkendroff gerade nicht unpassend das Marterholz nannte, da es sich nur bei unruhigem Wetter zeigte, und eine Masse für ihn fataler Unbequemlichkeiten mit sich brachte, wurde über dem, auf dem[pg 194] Tisch ausgebreiteten, nicht übermäßig reinlichen Tischtuch festgemacht. Dieses, durch etwa drei Zoll hohe Querhölzer verbunden und in Quadrate getheilt, schloß durch seinen hohen Rand den Tisch vollkommen ein, und hielt Teller und Schüsseln so ziemlich fest, daß sie wenigstens nicht hinunterrutschen konnten, war aber natürlich nicht im Stande das Ueberlaufen der Schüsseln und gefüllten Teller zu verhindern, wenn man sie hätte vor sich auf den Tisch stellen wollen. Diese forderten deshalb auch gebieterisch die ungeteilte Aufmerksamkeit der Essenden, und die geringste Unachtsamkeit blieb gewiß nicht ungestraft.

Herr von Hopfgarten hatte indeß von dem Krankheitsfall im Zwischendeck gehört, war gleich hinuntergegangen sich selber zu überzeugen, und erfuhr dort was Doktor Hückler der Kranken nach dem Aderlaß verordnet habe, und wie diese gerade durch das Gegentheil wenigstens so weit hergestellt worden, sie für jetzt außer Gefahr zu halten. In die Cajüte zurückgekehrt hatte er dann aber auch nichts Eiligeres zu thun, als die Damen davon in Kenntniß zu setzen, und während diese der Leidenden Eau de Cologne zum Einreiben und leichten Zwieback für eine mehr passende Nahrung als die schwere Schiffskost, hinunterschickten, nahm Herr von Hopfgarten den Doktor bei einem Knopf, zog ihn in die nächste Ecke und machte ihm hier die ungeheuersten Elogen wegen der fabelhaften Kur die er in dieser Nacht vollbracht, und womit er jedenfalls das Leben der Frau auf die eclatanteste Weise gerettet habe. Der arme Teufel von »Doktor« wußte freilich im An[pg 195]fang nicht wohin er aus Verlegenheit sehen sollte, war auch von dem kleinen Mann schon so oft zum Besten gehalten worden, um ihm in diesem Fall gleich zu trauen, daß er es wirklich ehrlich meine; Herr von Hopfgarten verzog aber keine Miene dabei, ja rief zuletzt selbst den Capitain und die übrigen Cajütspassagiere herbei, und gratulirte sich und ihnen einen so wackeren Arzt an Bord zu haben, der mit Kopf und Herz auf der rechten Stelle, eine große Beruhigung für eine, von jeder weiteren Hülfe abgeschnittene Schiffsgesellschaft sein müßte.