»Ah, das ist mir doch ungemein angenehm« erwiederte der Fremde sich rasch vollständig gegen die Damen herumdrehend; »da bin ich so frei mich Ihnen als künftigen Reisegefährten gehorsamst vorzustellen.«

Die Damen verbeugten sich leicht gegen den sich selber Einführenden, und Frau Professor Lobenstein wollte ihn eben fragen ob er etwas Bestimmtes über die Abfahrt des Schiffes wisse, er ließ sie aber gar nicht zu Worte kommen, und fuhr rasch, seinen Stuhl jetzt vollständig zu ihrem Tische rückend, fort:

»Ist mir doch wirklich sehr angenehm; wunderbares Zu[pg 011]sammentreffen das, ebenfalls, eh? — wie sich die Leute doch so auf der Welt finden; kommen hier in einem Gasthaus, an einem Tisch zusammen und sind, unbewußt, im Begriff eine so ungeheure Reise mit einander zu machen und die Gefahren des Oceans zu theilen. Liegt ungeheuer viel Poesie in dem Gedanken.«

Der gesprächige Fremde machte hier zum ersten Mal eine Pause, indem er seine ziemlich geleerte Weinflasche und sein Glas von dem Tisch an dem er vorher gesessen, herüber nahm, und vor sich hinstellte, und sein Glas dabei wieder füllte und mit einer Verbeugung gegen die Damen trank.

Es war ein Mann ziemlich hoch in den Dreißigen, sehr sorgfältig angezogen, mit einem großen Siegelring an dem Zeigefinger der rechten und drei oder vier anderen Ringen an dem kleinen Finger der linken Hand. Er trug sein Haar dabei à la malconte, vollkommen kurz abgeschnitten, und wie es schien dem Bart zu Liebe, dem er desto volleres und unbeschränkteres Wachsthum gestattete. Die Tuchnadel, die seine schwarzseidene, kunstgerecht gefaltete Cravatte zusammenhielt, war ein kleiner goldener Bacchus auf einem Faß, der einen, wahrscheinlich unächten Diamant als Glas in die Höhe hielt und sein ziemlich starkes Uhrgehänge bestand aus einer Unmasse kleiner goldener oder vergoldeter Werkzeuge, Hammer, Korkzieher, Pistolen, Flaschen, Musikinstrumente &c. &c. Sein Gesicht machte dabei gerade keinen angenehmen Eindruck; die Stirn war sehr niedrig und etwas zurückgehend, mit einer ziemlich tiefen Falte queer darüber hinziehend, und die kleinen [pg 012]blauen Augen flogen unruhig umher, während er sprach, indeß der Zug um den Mund eine merkwürdig stark ausgeprägte Zuversichtlichkeit, wie vielleicht auch Eigenliebe verrieth; dennoch ließ sich ein gutmüthiger Ausdruck darin nicht verkennen, und das ganze Gesicht war entschuldigt, sobald man erfuhr, daß es einem Weinreisenden gehörte.

»Und können Sie uns vielleicht genau die Abfahrt des Schiffs sagen?« frug die Frau Professorin endlich, die erste mögliche Pause benutzend; »es hieß daß es schon morgen früh in See gehen sollte.«

»Wind und Wetter permitting wie die Engländer sagen« lächelte der Weinreisende, sehr zufrieden dadurch zugleich seine nautischen wie auch sonstigen Kenntnisse der englischen Sprache gezeigt zu haben.

»Was heißt das?« sagte die Frau Professorin, etwas verlegen.

»Ah, daß ein Schiff nicht segeln kann, wenn der Wind nicht günstig ist,« lächelte der Weinreisende nach den beiden jungen Damen hinüber. »Uebrigens wird die Haidschnucke keineswegs vor morgen Abend in See gehn« setzte er beruhigend hinzu; »ich bin mit dem Capitain sehr eng befreundet — wir haben schon manche Flasche zusammen ausgestochen, und er hat mich versichert daß er morgen Abend um sechs Uhr, mit eintretender Ebbe, seinen Anker lichten und seine Segel spannen würde. Sie wissen wohl, gnädige Frau — »Segel gespannt und den Anker gelichtet,« wie wir Seeleute singen.«

»Also vor morgen Abend nicht? oh das ist mir sehr[pg 013] lieb« sagte die Frau beruhigt; »dann brauchen wir auch nicht die Nacht durchzureisen und ich kann die Kinder zu Bett bringen, sobald der Vater zurückkommt. Sie wissen es doch ganz gewiß?«