»Parole d'honneur!« sagte der Weinreisende, sich, mit der rechten Hand und den Siegelring auf dem Herzen, verbeugend. »Uebrigens« fuhr er lebhafter fort, »wird, nach Goethe, wie bekannt, durch zweier Zeugen Mund, überall die Wahrheit kund, und hier an dem Tisch sitzt noch ein Reisegefährte von uns, der ebenfalls seine Passage auf der Haidschnucke genommen hat und erst wahrscheinlich morgen früh um elf Uhr mit dem zweiten Dampfboot nach Brake fahren wird, an Bord zu gehn — Herr Mehlmeier, dürfte ich Sie bitten sich einen Augenblick hierherüber zu bemühen und — Sie erlauben mir doch daß ich ihnen Herrn Mehlmeier vorstellen darf?«
»Wird uns sehr angenehm sein« sagte die Frau Professorin etwas verlegen; es war ihr eben nicht angenehm, in der Abwesenheit ihres Mannes mit so vielen fremden Menschen hier zu verkehren.
Herr Mehlmeier, der indessen still und regungslos, und ohne auch nur den Kopf nach jemand Anderem umzuwenden, vor seinem wieder und wieder gefüllten Glas Bier gesessen hatte, war bei dem Ruf seines Namens aufgesprungen, als ob ihn was mit einer Stecknadel an irgend einem empfindlichen Theil gestochen hätte. Es war eine große, fast übermäßig starke Gestalt, die des Herrn Mehlmeier, mit einem vollen runden gutmüthigen Gesicht, sehr breiten Schultern und [pg 014]stattlichem, etwas bauchigem Körper, Marie aber sowohl wie Eduard, und selbst Anna konnten sich kaum eines Lächelns erwehren, als er den Mund öffnete, und mit einer ganz feinen weichen, fast weiblichen Stimme ausrief:
»Was befehlen Sie Herr Steinert?«
»Ach lieber Herr Mehlmeier,« rief aber Herr Steinert — »ich wollte mir vor allen Dingen die Freiheit nehmen, Sie den Damen hier, die wir so glücklich sind künftige Reisegefährtinnen von uns zu nennen, nach aller Form vorzustellen — Herr Christian Mehlmeier von Schmalkalden — und — aber ich weiß wahrhaftig Ihren eigenen Namen noch nicht, meine Damen —«
»Die Familie des Professor Lobenstein aus Heilingen« nahm hier Eduard das Wort, der sich jetzt besonders für den dicken Mann mit der feinen Stimme interessirte.
»Professor Lobenstein?« rief Herr Steinert, rasch nach dem jungen Mann herumfahrend — »Familie des Professor Lobenstein — corpo di Bacho! da sind wir ja alte Bekannte — habe das Vergnügen schon früher gehabt mit Ihrem Herrn Vater in einer sehr angenehmen Geschäftsverbindung zu stehn — ich machte in Weinen für das Haus Schwartz und Pelzer in Frankfurt am Main — und der Herr Professor machten ebenfalls die Reise mit.«
»Wir erwarten ihn jeden Augenblick« sagte die Frau Professorin, sich dabei ungeduldig nach der Thüre umsehend, denn die Bekanntschaft des Herrn Steinert, der mit seiner lauten[pg 015] Stimme schon die Aufmerksamkeit sämmtlicher übrigen Gäste auf sie gezogen hatte, fing an ihr drückend zu werden.
»Er ist eben fortgegangen sich über die genaue Abfahrt des Schiffes Gewißheit zu holen,« ergänzte Eduard.
»Ah ja, unser Schiff« rief Herr Steinert, sich plötzlich wieder der Sache erinnernd, wegen der er Herrn Mehlmeier eigentlich herbeigerufen. »Sie haben ja selber heute mit den Rhedern gesprochen, nicht wahr lieber Mehlmeier?«