»Gott vergelt's tausendfach« sagte der Handwerksbursch, der indessen bei den anderen Passagieren, mangelnden kleinen Geldes wegen, ebenfalls mit sehr geringem Erfolg gesammelt hatte, und jetzt ebenfalls ungeduldig nach dem Zwischendeck hinabschaute — »da unten schmeißen sie sich aber, glaub' ich, und da möcht' ich dabei sein« — und seinen Tornister mit einem plötzlichen Ruck höher auf die Schultern bringend, und [pg 233]einer nicht ungeschickten Verbeugung gegen das ganze Quarterdeck, drückte er sich den großen ausgeschweiften Hut wieder fest und etwas seitwärts auf den Kopf, spukte in die Hand, faßte seinen Prügel fester, und sprang dann rasch die kleine Treppe, die auf Deck hinabführte, nieder. Marie und die Uebrigen traten indessen ebenfalls an den Rand des Quarterdecks, der mit einem dünnen eisernen Geländer eingefaßt war, und von wo aus der Capitain schon nach dem Steuermann rief, dem Unfug da unten ein Ende zu machen und die Ruhestörer auseinander zu bringen. Nur Clara blieb mit dem Gatten allein zurück, und einige Schritte von ihnen entfernt stand der Mann am Steuerrad.

»Joseph« sagte die Frau mit leiser, kaum hörbarer Stimme, während sie zu ihm ging und seinen Arm erfaßte — »Joseph, — in — dem — Kästchen — lag — Heiland des Himmels und der Erde, ich glaube, ich werde oder bin wahnsinnig — in dem Kästchen lag meiner Schwester Broche — der blaue, dreieckige Turquis. — Wie — wie um Gottes Willen kam — kam der Stein —«

»Ich habe ihn gefunden« sagte Henkel, der jetzt wenigstens äußerlich seine ganze Fassung wieder gewonnen hatte, mit gezwungener Gleichgültigkeit — »am Tage, ehe wir abreisten — er lag unten im Haus, und ich wollte Nichts davon erwähnen, die alte Geschichte nicht noch einmal aufzurühren.«

Er sprach die Worte vollkommen ruhig, nur mit etwas unterdrückter Stimme, daß der Mann am Steuer sie nicht hören sollte, aber sein Gesicht hatte jeder Blutstropfen verlassen, [pg 234]und sein Blick schweifte wild und unstät umher. Ihm gegenüber stand die Frau — bleich, kalt und regungslos, wie ein wunderschönes, aber todtes Marmorbild; nur der Blick, den sie stier und fest auf den Gatten geheftet hielt, lebte; — aber sie sprach kein Wort — that keine Frage weiter, und als sie hörte — denn sie wandte das Auge nicht dorthin, — daß die anderen Passagiere wieder zurückkamen, drehte sie sich langsam ab, und stieg an der hinteren, am Steuerruder abwärts führenden Treppe in die Cajüte und ihren eigenen stateroom nieder, den sie hinter sich verschloß.

Die Sonne ging unter und der Steward rief zum Souper; aber Clara ließ sich entschuldigen. Sie hatte Kopfschmerzen und die Augen thaten ihr weh. Marie wollte sie nach dem Essen besuchen, um zu sehen was ihr fehle, aber die Thür war noch immer verschlossen, und wurde auch nicht geöffnet, und erst spät ließ die junge Frau Hedwig noch einmal zu sich rufen.

Hedwig, das arme Kind, hatte jetzt auch eine schwere Zeit, denn des Tischlers Frau war heute über Tag wieder so krank geworden, daß sie Georg Donner keinen Augenblick verlassen wollte, und das Schlimmste zu fürchten schien. Die alten Phantasieen stellten sich dabei wieder ein, der Lärm den Tag über mochte sie auch aufgeregt und beunruhigt haben, und das Brennen und Pochen im Kopfe war ärger als je geworden. Hedwig hatte auch schon die ganze vorige Nacht bei ihr aufgesessen, und eben war die Kranke, zum ersten Mal wieder seit acht und vierzig Stunden, in einen kurzen, unruhigen [pg 235]und oft unterbrochenen Schlummer gefallen, als sie zu ihrer jungen Herrin gerufen wurde, und zugleich hörte daß diese ebenfalls krank sei.

Rasch und ängstlich eilte sie zurück in die Cajüte, und klopfte an der beiden Gatten enges, aber sehr freundlich eingerichtetes Gemach. Ein leises »Herein« antwortete, und sie fand Clara schon auf ihrem Lager, das Antlitz fest in ihr Kissen gedrückt, von dem aus sie der Eintretenden, ohne zu ihr aufzusehn, nur die Hand entgegenstreckte.

»Liebe, liebe Frau Henkel, was fehlt ihnen?« flüsterte das Mädchen, neben der niederen Coye knieend, und die ihr gebotene Hand mit Küssen bedeckend — »sind Sie krank? — was um Gottes Willen ist vorgefallen?« —

Aber Clara vermochte kein Wort zu erwiedern — sie hatte sprechen wollen, aber sie fühlte daß es in diesem Augenblick ihre Kräfte überstieg, und nur schweigend hielt sie eine lange, lange Zeit die Hand des Kindes fest und krampfhaft in der ihren.

»Liebe, liebe Frau Henkel« wiederholte Hedwig bittend — was ist Ihnen? — kann ich Ihnen helfen?« —