»Ja Hedwig — ja —« hauchte die Kranke mit kaum hörbarer Stimme — »Du allein — aber nicht heute mehr — komm morgen — morgen früh —«
»Aber wenn Sie mir indessen ernstlich krank werden?« bat das junge Mädchen, die nicht begreifen konnte was die räthselhaften Worte bedeuteten — »Soll ich nicht lieber doch Herrn Donner rufen, den jungen Arzt, den wir im Zwischen[pg 236]deck haben, und der, wie die Anderen sagen, viel mehr versteht als der Doktor in der Cajüte.«
»Ich bin nicht krank« flüsterte aber die Frau — »wenigstens nicht so, daß mir ein Doktor Mittel dagegen verordnen könnte — nur Ruhe brauche ich — Ruhe — so bitte, Hedwig — laß mich jetzt allein.«
»Darf ich nicht bleiben?«
Die Leidende schüttelte, ohne weiter ein Wort zu sagen, den Kopf, und Hedwig, gehorsam dem gegebenen Befehl, stand langsam auf, zögerte noch einen Augenblick in der Thür, ob die Kranke nicht den Befehl doch wohl widerrufen könne, und verließ dann, so geräuschlos wie sie es betreten, aber mit einer schweren Sorge mehr im Herzen, das Gemach.
»Was fehlt nur Clara, Herr Henkel?« frug Marie den jungen Mann, der mit verschränkten Armen und langsamen Schritten oben auf dem Quarterdeck auf und ab ging, und bei ihrer Anrede rasch und wie erschreckt emporschaute; »das muß ganz plötzlich geschehen sein, denn vorhin war sie ja noch so munter und ausgelassen, wie ich sie fast noch gar nicht gesehen.«
»Heftiger Kopfschmerz, weiter Nichts« erwiederte ihr Henkel, jetzt vollkommen ruhig — »sie klagte schon letzte Nacht darüber, und es schien sich über Tag vollständig gelegt zu haben kehrte aber den Abend plötzlich und weit stärker wieder. Ruhe allein ist was sie braucht, der Schmerz geht dann von selbst vorüber.«
»Wie Schade daß das gerade heute ist« klagte das junge [pg 237]fröhliche Mädchen; »wissen Sie, daß wir heute Abend Concert haben?«
»Wirklich« erwiederte Henkel zerstreut — »und wer musicirt?«
»Der alte Polnische Jude mit dem schmutzigen schwarzen Kaftan; er darf aber nicht auf das Quarterdeck kommen« setzte sie lachend hinzu — »er sieht gar so verdächtig aus, und wird seine Vorstellung unten vor dem großen Mast geben.«