»An der Hart —«
»Kenn' ich nicht« — sagte Meier, ohne sich auf weitere Auseinandersetzungen einzulassen, und drehte dem jungen Mann den Rücken zu, die Back hinaufzusteigen. Georg Donner sah ihm noch ein paar Momente wie zweifelnd und ungewiß nach, verzichtete jedoch auf weitere Fragen, da ihm das Resultat auch ziemlich gleichgültig sein konnte, und ging nach dem mittleren Theil des Decks zurück, wo sich indessen die meisten der Zwischendeckspassagiere an zu sammeln fingen.
Die Leiche der Frau wurde jetzt nämlich aus dem engen unteren Raum hinauf an Deck geschafft, und dort in Lee mit ihrer Matratze auf ein paar über die Wasserfässer gedeckte Bre[pg 253]ter gelegt. Doktor Hückler, der sich jetzt sehr geschäftig zeigte, öffnete ihr dann beide Adern, sich von dem wirklichen Hinleben der Kranken, da man die Leiche nicht an Bord behalten konnte, auch fest zu überzeugen. Als aber auch der letzte Zweifel beseitigt, und der Tod fest und unerbittlich constatirt worden, wurde der Segelmacher beordert, die Verschiedene in ein Stück Segeltuch, wie das auf Schiffen gebräuchlich ist, einzunähen. Nur das Gesicht sollte noch bis zum letzten Augenblick der Bestattung frei und offen bleiben.
Es ist ein häßlich unangenehmes Gefühl eine Leiche an Bord zu wissen, und selbst in der Cajüte, die doch in keine Berührung mit der Gestorbenen gekommen war, ja von deren Passagieren sich nur ein paar erinnerten sie überhaupt je an Deck bemerkt zu haben, hatte es die fröhliche Stimmung die das nahe Land hervorgebracht, wenn nicht ganz gestört, doch merklich gedämpft. Wesentlich zu dem Unbehagen trug aber auch der Doktor Hückler bei, der sich vor dem Frühstück, das die Passagiere heute außergewöhnlich zeitig in der Cajüte versammelt hatte, in seinem unglückseligem Geschäftsstolz nicht enthalten konnte, dem Professor Lobenstein genau den erfolglosen Aderlaß an der Todten, die Umständlichkeiten ihrer letzten Augenblicke und den wahrscheinlichen Zustand ihres Gehirns, das einer Entzündung erlegen wäre, zu beschreiben. Der Professor suchte dabei vergebens ihm zu entgehn, eben so beschwor ihn Herr von Benkendroff ihm nicht wieder das Frühstück mit seinen verzweifelten Beschreibungen zu verderben. Umsonst, der Fall interessirte ihn selber viel zu sehr, ihn ruhig [pg 254]und unausgesprochen bei sich tragen zu können, und er mußte seinem Herzen Luft machen.
Indessen war Hedwig, die an dem Morgen schon zweimal vergebens an ihrer jungen Herrin Thür geklopft, durch den Cajütenwärter dorthin beschieden worden, und flog jetzt dem willkommenen Befehle Folge zu leisten. Die junge Frau hatte sich ihr stets so mild, so freundlich gezeigt, war besonders gestern Abend in ihrem Schmerz so herzlich mit ihr gewesen — und diese Güte that dem armen, verwaisten Kind so wohl — daß es sie trieb und drängte ihr Leiden zu erfahren. Konnte sie auch nicht helfen, mittragen konnte sie es doch, und Alles, Alles thun was in ihren Kräften stand, ja selbst was über ihren Kräften lag, es zu erleichtern.
Sie fand Clara heute schon auf, und vollständig angezogen in ihrer Cajüte, und als sie die Thüre öffnete streckte ihr die junge Frau die Hand entgegen. Hedwig erschrack aber über das todtenbleiche schmerzdurchzuckte Antlitz der geliebten Herrin, und wollte die gebotene Rechte in ängstlicher Hast an ihre Lippen führen, als sie sich von Clara emporgezogen, von ihren Armen umschlossen und einen heißen Kuß, heißere Thränen auf ihrer Stirne fühlte.
»Um Gottes Willen liebe — gnädige Frau« —
»Nenne mich Clara fortan und Schwester« — flüsterte aber die Frau unter gewaltsam zurückgedrängten Thränen — »denn ich will es Dir sein bis zum Tode, Du armes — liebes Kind. Aber ruhig jetzt — keine Frage weiter, kein Wort,« bat sie, als Hedwig sich halb erschreckt, halb schüchtern aus [pg 255]ihren Armen loszuwinden suchte — »in wenigen Tagen — Stunden vielleicht, betreten wir das Land, und die uns fremd hier sind brauchen nicht zu ahnen daß uns ein Schmerz, ein Leid gedrückt. Komm mein Kind« setzte sie dann ruhiger hinzu, während sie die Spuren der Thränen von ihren Wangen zu tilgen suchte, »komm Hedwig, wir wollen hinaus unter die Leute gehn, aber Du bleibst bei mir, nicht wahr mein liebes Kind, Du gehst jetzt nicht wieder von mir fort? — Schon gut — schon gut, ich weiß daß Du mich liebst, wenn ich es auch nicht verdiene, denn auch ich — aber das später — das später« flüsterte sie, ihr Herz mit beiden Händen deckend, als wenn sie es halten und bändigen wollte in der Brust — »Und nun die Maske vor zum ersten Mal!«
Hedwig, nicht im Stande den, für sie räthselhaften Sinn der dunklen Worte zu verstehn, wagte auch nicht zu fragen und zu forschen, hätte ihr die Frau selbst Zeit dazu gelassen. Diese aber öffnete rasch die zur Cajüte führende Thür, und betrat den inneren Raum, wo sie sämmtliche Passagiere am Frühstückstisch bereits versammelt fand.«
»Heilige Mutter Gottes!« rief aber Marie, die auf sie zu lief, und sie umarmte und küßte, »wie bleich und angegriffen Du aussiehst Clara; Du bist recht krank gewesen — bist es noch, und mußt Dich unendlich schonen und in Acht nehmen, daß Du Dich ja recht bald wieder erholst. Draußen ist ja schon das Land in Sicht — soll ich es Dir zeigen?« —