Die Tochter nahm das Schälchen, trank einen Schluck, nickte ihm lächelnd zu und fiel dann wieder auf ihr Kissen zurück.
»Du bist ja heute recht freundlich« sagte der alte Mann, und blieb zögernd bei dem Bette stehn, – »hast Du noch Schmerzen.«
»Nicht viel mehr, Vater – jetzt gar keine mehr,« lautete die leise Antwort »es wird schon besser – schon ganz gut wieder werden.«
»Ich begreif es nicht, daß Du Dich an den Kerl hängen konntest« brummte der Musikant endlich – »daß der Dich sitzen ließe, war doch – auch ohne all das andere – an den zehn Fingern abzulesen. Er, der Sohn eines Generalsuperintendenten – nimm nur einmal den Titel an – und Du eine gewöhnliche Wirthschafterin – Unsinn so was ist noch gar nicht dagewesen und fällt auch nicht vor. Die größte Dummheit aber ist's, daß Du Dich jetzt noch darüber sorgst und quälst. Du bist doch, weiß es Gott, sonst gescheut genug, um auch das vorhergesehn zu haben.«
»Vater« bat das Mädchen.
»Ach was, es ist wahr – wenn Du funfzehn, sechszehn Jahr gewesen wärst, da glaubt man vielleicht solchen Firlefanz. Du aber mit ein und zwanzig – es ist lächerlich.«
»Lächerlich?« rief die Tochter und richtete sich, von der Erregung des Augenblicks hingerissen und mit durch mehr als Fiebergluth gerötheten Wangen hoch auf im Bett – »lächerlich? Hast Du je gehört, was er und wie er zum Volk gesprochen? Hast Du gehört, wie er für die Proletarier, für die arme unterdrückte Classe mit Wort und Schrift gekämpft, und selbst Kerker und Lebensgefahr nicht scheute, sein schönes herrliches Ziel zu verfolgen? – Wenn Du je seine Reden an das versammelte, in athemlosem Schweigen lauschende Volk gehört, wenn Du je mit uns Allen hingerissen gewesen wärst von den mächtig ergreifenden Worten, dem feurigen in wilder Begeisterung auflodernden Feuer des Redners – dann Vater, dann hättest Du, wie ich, geglaubt, daß die Schwüre, die mir der nämliche Mund in heiliger Stunde flüsterte, auch wahr und heilig wären, wie die That, die sie sonst zu edlem Handeln entflammte. Dann Vater hättest Du Dich auch, wie ich, dem süßen Traum hingegeben, das Wesen allein in der weiten großen Welt zu sein, daß diesen Mann, zu dem Tausende und Tausende mit Bewunderung aufschauten, fesseln könnte. O der Gedanke war so schön – so lieb – ich war so – so stolz darin geworden – – Vater – Du wolltest mir ja immer einmal erzählen,« brach sie plötzlich ab, »wie Du eigentlich Deine frühere, so glückliche Laufbahn in der Stadt verlassen, und dazu gekommen wärst – Dir auf den Dörfern Dein Brod durch Musiciren zu erarbeiten – jedesmal aber, wenn ich davon angefangen habe, schwiegst Du still, oder sangst wunderliche tolle Lieder und ließest mich nicht mehr zu Worte kommen. Soll ich es heute vielleicht erfahren? – – wer weiß was morgen die Zeit bringt – ich fürchte mich fast vor dem neuen Jahr, und doch freu' ich mich darauf.«
»Hm« sagte der alte Musikant, und legte die Violine still neben sich nieder – »Ihr Frauen bleibt Euch doch Alle gleich – Deine Mutter war eben so – wo Ihr einmal etwas heraus zu bekommen habt, gebt Ihr nicht Ruh noch Rast, und haltet keinen Frieden. Ich weiß aber eigentlich gar nicht, weshalb ich Dir die Geschichte nicht hätte erzählen wollen – sie ist einfach und unbedeutend genug – nur das Ende war häßlich – oder ist vielmehr noch häßlich.«
»Und der Anfang?«
»Nun Du weißt doch, daß ich Musikdirector in G. – war, und mein gutes Auskommen hatte – vor zwölf oder dreizehn Jahren aber, wo die Leute verrückt wurden und für lauter alt Klassisches schwärmten und Alles was recht deutsch d. h. verständlich war, mit Nasenrümpfen und über die Achsel ansahen, da kam ich zuerst in Miskredit. Ich hatte alle Achtung vor den todten Meistern und schwärmte besonders für Weber und Mozart, wenn aber etwas Neues, Gutes kam, wollte ich's auch haben, und wollte ihm Achtung verschaffen, und da trat ich zuerst in's Fettnäpfchen mitten hinein. Die ›große Welt‹ wurde wie gesagt aesthetisch – wollte nichts wie Gluck und Sebastian Bach hören – ich opponirte, ein anderer trat gegen mich auf, Cabalen wurden geschmiedet und ich – erlag. Sie schickten mich fort – Du warst damals bei Deiner Tante in Wien und erfuhrst nichts von der ganzen Geschichte, die Alte starb aber – hinterließ ihr ganzes Vermögen einer frommen Stiftung – ihrem im Elend sitzenden Bruder nicht einen rothen Pfennig, und der wurde Musikant.«