»Etwas bin ich wohl auch mit schuld an meiner Lage« nahm der alte Mann endlich, nachdem er den Refrain eines kleinen lustigen Liedes halblaut vor sich hingepfiffen, den Faden seiner Erzählung wieder auf – »aus Mismuth und Aerger, eines protegirten Holzkopfs wegen, der nur an den rechten Stellen zu katzenbuckeln wußte, mein Brod verloren zu haben – ergab ich mich in etwas dem Trunk – Deine Mutter bat mich genug, es nicht zu thun – aber der Wahnsinn hatte sich mir nun einmal in's Hirn gesetzt – das verdammte Saufen blieb nicht mehr Leidenschaft, es wurde zur Krankheit, und ich selber – was ich jetzt bin – Brrrrr – es ekelt mich manchmal, wenn ich mich selber anfassen soll.«

»Aber wo starb die Mutter?« frag mit leiser Stimme Marie.

»Du kamst damals aus glücklichen Verhältnissen, aus Reichthum und Ueberfluß heraus, in unser Elend,« sagte der Vater, ohne auf die an ihn gerichtete Frage zu antworten – »es sah hübsch bei uns aus – wie? – Du warst aber ein braves Mädchen, und suchtest und fandest gleich eine Stelle, wo Du arbeiten, und Deinen Vater unterstützen konntest. Ja – wer einmal Nichts haben soll, dem fällt auch die Butter vom Brod herunter – das ist ein altes Sprichwort, und so wurde es auch bei uns. Na, ich denke, Du hast's ebenfalls erfahren – aber doch wohl noch nicht so arg, wie Deine Mutter – die hat traurige Zeiten mit durchgemacht.«

»Und wo starb sie?« sagte noch einmal das Mädchen.

»Gottes Zorn trieb mich damals unter das Lumpenpack, mit dem ich zwei volle Jahre herumzog – der Trunk hatte mich zum Thier erniedrigt, und ich – war ein recht schlechter Mensch geworden. – Ich weiß – es gab einmal eine Zeit, wo ich – aber Pest und Donner, ich bin ja heut' Abend förmlich wie ein altes Waschweib, und winsele und lamentire, daß es einen Stein erbarmen möchte. – Ei zum Henker, wollen einmal wieder trinken – da vergehen die Grillen, und die Welt bekommt eine ganz andere Farbe. Das verwünschte Bachstetten hab' ich überdieß auf dem Strich, und ich weiß bei Gott nicht, was mich wieder hierher geführt hat, manchmal ist's aber ordentlich, als ob Einen etwas ganz anderes triebe, als der freie Wille, und als ob es eine Art Verhängniß – ah, meinetwegen – 's mag kommen – ich bin fertig.«

»Vater,« sagte die Tochter plötzlich, und berührte seinen Arm – »die Lampe will ausgehen!«

»Die Lampe?« brummte dieser, der den Kopf auf die Brust gesenkt, in eine Art dumpfes Brüten gefallen war – »Unsinn, die brennt hell genug.«

Tiefes Schweigen herrschte in dem kleinen, unheimlichen Raum – draußen schüttelte der Wind die entlaubten Birken, die vor dem Fenster standen, und warf nach einer Weile den Hut in die Stube, den der Alte in die letzte, nicht mit Bretern vernagelte, aber jetzt auch zerbrochene Glasscheibe gesteckt hatte. Meier stand auf, drückte den Hut wieder auf seinen alten Platz, denn der scharfe Luftzug, der durch die Oeffnung hereinpfiff, drohte das Licht zu verlöschen, legte dann einen Stein hinein, und setzte sich wieder auf die Bettkante nieder.

»Vater – mir ist recht wunderlich zu Muthe,« sagte da plötzlich das Mädchen, und versuchte, sich auf ihrem Lager emporzurichten – »ich wollte – ich wollte, er wäre hier.«

»Er? – wer?« knurrte der Alte – »nenn' mir noch einmal den Kerl, und sieh dann, was ich thue – hol' ihn der Böse mit seinen Redensarten und Versprechungen – hätte er eine gehalten, so lägen wir jetzt nicht hier und bliesen Trübsal.«