»Hätt' er nur damals – meinen Brief – gelesen –« flüsterte das Mädchen in abgebrochenen Sätzen, und eine eigenthümliche Unruhe wurde in ihrem ganzen Wesen bemerkbar – ihr Vater achtete nicht darauf, er vertiefte sich mehr und mehr in seinen Gedanken, und horchte nur einmal aufmerksam lauschend auf, als die Thurmuhr draußen langsam und schwerfällig drei Viertel schlug.

»Wie viel Uhr ist das, Vater?«

»Drei Viertel auf zwölf – 's wird gleich Mitternacht sein, und dann – springen wir in's neue Jahr hinein. Beim Himmel, beinahe so ein Sylvester wie vor drei Jahren – und gerade die Stelle wieder – ich muß mir nur noch ein Glas Grog machen – das hilft.«

»Vater!« sagte da das Mädchen mit kaum hörbarer Stimme – »nimm doch – nimm doch den Hut – den Hut wieder aus dem Fenster heraus – es wird – es wird so heiß – so schwül hier.«

Der alte Mann sprang wie von einer Kugel getroffen in die Höhe, sah erst seine Tochter ein paar Secunden mit stieren, fast aus ihren Höhlen drängenden Augen an, sprang dann nach der Lampe, griff diese auf, und hielt sie hoch über seinem Kopf gegen der Tochter Lager, daß der helle Schein des flammenden Dochtes auf die bleichen, geisterhaften Züge des armen Kindes fiel.

»Marie – Mädchen – Kind!« schrie er dabei mit zitternder, von Todesangst fast erstickter Stimme – »was ist Dir – wie siehst Du aus? – großer – großer allmächtiger Gott – und an der nämlichen Stelle, wo vor drei Jahren Deine Mutter starb –«

Marie raffte sich gewaltsam zusammen.

»Was – hier? – hier war es?« lispelte sie, und die großen glanzlosen Augen hafteten in einem unbeschreiblichen Gemisch von Schreck und Freude auf dem bleich und bebend vor ihr stehenden Vater – »hier in dem Haus? – in der Sylvesternacht?«

Der Alte nickte schweigend mit dem Kopf.

»Wie ist Dir denn jetzt eigentlich, Marie?« sagte er endlich etwas ruhiger – »Du hast mir einmal einen Schreck eingejagt – es ist wohl gar nicht so schlimm.«