»In demselben Zimmer, Vater?«

Der alte Musikant nickte noch einmal, und sah sich, fast wie scheu, in dem öden Raume um – »auf demselben Gestell, auf dem Du jetzt liegst,« flüsterte er mit kaum hörbarer Stimme.

Die Kranke sank wieder in ihre frühere Lage zurück, ein schwaches Lächeln stahl sich um ihre bleichen Lippen, und mit gefalteten Händen murmelte sie einige, dem Vater unverständliche Worte. Endlich streckte sie ihre linke Hand gegen ihn aus, und sagte:

»Vater – wolltest Du mir wohl eine Bitte erfüllen – eine Bitte, mit der Du mir eine recht große Liebe erzeigen könntest?«

Der alte Mann war indessen aufgestanden, und mit raschen Schritten im Zimmer hin und hergegangen; augenscheinlich arbeitete er daran, die weiche Stimmung, in der er sich befand, nieder zu kämpfen – er pfiff bald, bald summte er kurze, abgebrochene Sätze komischer Lieder vor sich hin. Bei der Bitte der Tochter wandte er sich rasch nach dieser um – sich plötzlich aber besinnend stampfte er mit dem Fuß, murmelte einen halb abgebrochenen Fluch in den Bart, und sagte:

»Ah was – laß die Possen – wir wollen lieber schlafen gehn.« Er schien die frühere, augenblickliche Rührung vollkommen abgeschüttelt, und sein rauhes unwirrsches Wesen wieder angenommen zu haben. Der Zustand der Tochter war ihm nämlich zu schnell und überraschend gekommen, und hatte dadurch all' die früheren, schon einmal an diesem Ort durchlebten Schreckbilder heraufbeschworen – sollte er das aber jetzt dem Kinde merken lassen? – Gott bewahre – – wenn aber nun doch? – Er heftete den scheuen ungewissen Blick fest und forschend auf das Antlitz der Kranken – und wie mit einer eiskalten Hand griff's ihm an's innerste Herz. – In den Zügen stand der Tod – und dem hatte er schon zu oft in das grauenvolle Antlitz geschaut, um sich darin noch irren zu können – mit schneller, beruhigender Stimme setzte er hinzu – »was ist es denn, Marie, kann ich es Dir bringen?«

»Nur noch ein Lied – sing mir – sing mir heute Abend – dann wollen wir uns schlafen legen – morgen werd' ich schon wieder besser sein – willst Du, Vater?«

»Was für ein Lied, Marie?«

»Mein Lieblingslied – die Ballade von – von der todten Sängerin.«

»Es ist gar so ernst,« sagte der alte Mann, und kämpfte, jetzt die Blicke nicht mehr von dem immer blässer und leichenähnlicher werdenden Angesicht der Tochter wendend, gewaltsam gegen den unbezwingbar in ihm aufsteigenden Schmerz an –