»Läge der alte Baron jetzt nicht krumm, so hätten sie Dich am Ende schon abgefaßt,« sagte er, »so aber hat er die Geschichte, glaub' ich, noch gar nicht gelesen, morgen käm' es aber doch jedenfalls vor. Also bist Du gescheidt, so hältst Du Dich so viel wie möglich außer Rufs Nähe von Allen, die Dich kennen könnten, ich glaube, Du kannst dadurch nur profitiren.«
»Nu ja – 's kennte meglich sin,« meinte Krautsch, – »also denn bleibts derbei – um dreiviertel uf neine« – Und ohne weiter Gruß oder Abschiedsworte an den Verbündeten zu richten, glitt er aus seinem Versteck vor, sprang über die dicht daran stoßende niedere Gartenmauer, und war im nächsten Augenblicke in der dahinter lagernden Dunkelheit verschwunden.
Poller kehrte so schnell er konnte, um jetzt wo möglich jeden Zank und dadurch entstehende Unruhe zu vermeiden, nach Hause zurück, und suchte nur – was übrigens gar nicht so schwer war – den Vater an das Bett des launenhaften Kranken zu fesseln. Der Oberpostdirector schien aber auch wirklich heute einmal einen seiner allerbösesten Abende zu haben – er hatte nicht Ruhe noch Rast – wollte bald auf dieser, bald auf jener Seite unterstützt werden, warf sich – trotz aller Vorstellungen des hinzukommenden Arztes – fortwährend herum und zankte und schimpfte seine Umgebung – den Doctor keineswegs ausgenommen – auf das Unbarmherzigste. – Ja, er wollte endlich, was ihm aber dieser auf das Strengste verbot, unter jeder Bedingung von seinem Lager aufstehn, und schrie nun, als ihn der alte Poller gewaltsam zurückhielt – so laut um Hülfe, daß das Gesinde des ganzen Hauses zusammenkam, und schon glaubte, es wäre irgend etwas Entsetzliches geschehn.
Der Arzt sandte die Leute aber wieder zurück, und versicherte sie, sie brauchten um ihren Herrn sich nicht zu sorgen; es sei nur ein etwas stärkerer Fieberanfall als gewöhnlich. Er verordnete dann einige beruhigende Mittel, trug dem alten Poller noch verschiedenes auf und kehrte, da er dort noch einige Kranke besuchen mußte, mit dem schon wartenden Wagen in die Residenz zurück.
Dem jungen Poller schlug das Herz wie ein Hammer in der Brust – der Augenblick der Entscheidung rückte immer näher und sein Vater saß wie Blei – wenn er den nicht zur rechten Zeit aus dem Zimmer – denn hier in der Krankenstube selber lag das Geld – entfernen konnte, war die ganze Sache, die ganze Gefahr, der sich Krautsch aussetzte, umsonst gewesen – Krautsch? ei beim Teufel, der kümmerte ihn wenig – aber er selber – wer weiß denn, ob sich so günstige Gelegenheit ihm wieder bot – seine ganze Hoffnung ruhte jetzt noch allein auf dem Feuerlärm.
Der Kranke war, nach dem heftigen Toben, in eine Art Erschlaffung und Abspannung gefallen, die sich bald in einen Halbschlaf verwandelte. – Der alte Poller saß in der Ecke, im großen Sorgenstuhl des Herrn und fing, ebenfalls zum Tod erschöpft, gerade ein wenig an einzunicken – die Schlüssel zum Schrank lagen dicht neben dem Bette des Gutsherrn, und das einzige Gefährliche bei der Sache schienen dem jungen Bösewicht ein paar geladene Pistolen, die stets und zwar so niedrig über dem Bett und zu Köpfen des Herrn hingen, daß er sie jeden Augenblick mit ausgestrekter Hand erreichen konnte.
Entfernen durfte er die Waffen nicht – der Director selbst, oder sein Vater wenigstens, hätten das augenblicklich bemerkt und natürlich Verdacht geschöpft – wie aber wenn es ihm gelang die Zündhütchen herunter zu bringen? – Der Versuch mußte jedenfalls gewagt werden, denn Karl Poller hatte allen Respekt vor Schießgewehren, und der Oberpostdirector schoß ziemlich gut. Beim gewöhnlichen Stande des Bettes wär' ihm jedoch ein solches Vorhaben ganz unmöglich gewesen, denn sobald das Bett dicht an die Wand gerückt stand, würde er natürlich nur darüber hin an die Waffen gekonnt haben, jetzt aber und bei dem Leiden des Kranken, der fortwährend Schmerz empfand und anders gelegt sein wollte, war es nöthig geworden das Bett etwas, wenn auch nur wenig, von der Wand abzurücken, damit Jemand dahinter treten und von dort aus heben konnte.
Der alte Poller schlief wirklich, oder lag doch wenigstens mit geschlossenen Augen so fest und bequem an das Kissen angelehnt, daß nicht zu fürchten war, er würde durch das eigene schwerfällige Einnicken, wie das manchmal geschieht, plötzlich wieder aufwachen. Der Oberpostdirector athmete ebenfalls laut, und hielt noch dazu das Gesicht der Stube zu, also von der Wand abgekehrt. Karl schlich auf den Zehen zum Kopfende des Bettes, wo eine Menge Medicinflaschen standen, und blieb hier eine Weile stehn. Die Uhr im Zimmer schlug in dem Augenblick halb, und er wollte erst abwarten ob der laute Schlag nicht etwa die Schläfer störe – nein – sie veränderten ihre Lage nicht und der junge Bursche stand im nächsten Moment, geräuschlos zwischen der Wand und dem Bette hingleitend, vor den Pistolen. Mit diesen wußte er übrigens gut genug umzugehn, da er das Schießzeug seines Herrn stets rein und im Stande zu halten hatte – rasch und geschickt entfernte er deshalb auch die gefährlichen Kupferhütchen und nahm sie, damit selbst ihr Fall kein Geräusch verursache, bis er die Waffen wieder an ihrem Ort gehangen, in den Mund.
So schnell er konnte, verließ er dann den für ihn so gefährlichen Platz und gleich darauf auch das Gemach, denn wenn der Feuerlärm, was jetzt jeden Augenblick geschehen konnte, entstand, durfte er nicht im Krankenzimmer sein, weil sonst natürlich niemand anders als gerade er auch fortgeschickt wäre, zu sehn was es gäbe. Mußte also nun »sein Alter« gehn, wie er bei sich und in leisem Brüten erwog, so kam er rasch zurück – mit dem Kranken wurde er bald fertig, wo das Geld lag wußte er genau, und ehe man an seine Verfolgung denken konnte, war er in der dunklen Nacht draußen entkommen. Seine Vorbereitungen für das Weitere hatte er ebenfalls alle auf das Beste getroffen und harrte jetzt draußen im dunklen Gang mit fieberhaft klopfenden Herzen und immer wachsender Ungeduld auf das Zeichen – auf den Lärmen von den Scheunen her.
Als er die Thür hinter sich zuzog, fuhr sein Vater im Stuhl auf, rieb sich die Augen und schaute verwundert umher; es war etwas kalt im Zimmer geworden – es fröstelte ihn und er stand auf und ging, die Hände rasch aber geräuschlos zusammenreibend, zum Ofen, um dort nach zu legen und die Lampe, die ebenfalls düster brannte, etwas höher zu schrauben.