»Nun?« frug der Gutsherr, der die Augen wieder geschlossen, – »was ist's, Poller – Feuer?«
Karl antwortete nicht, sondern schob rasch den Riegel vor, und trat zum Tisch, von dem er die Schlüssel aufgriff. Beim Klappern derselben sah der Kranke plötzlich auf – sein Blick begegnete dem des Diebes, und der Instinct fast sagte ihm, was das unstäte, wilde Auge, das scheue Wesen des Burschen, und seine Unruhe bedeuteten.
»Was willst Du mit den Schlüsseln, Schurke!« schrie er, und versuchte, aber vergebens, sich auf seinen Ellbogen empor zu richten – »laß die Schlüssel liegen, sag' ich – Canaille!« –
»Brauche sie jetzt einen Augenblick selber,« lachte aber der junge Bösewicht mit einer Art triumphirender Bosheit, »will mir nur einen kleinen Vorschuß erbitten, um die Auswanderung eines sehr guten Freundes – wie Herr Doctor Strohwisch immer sagte, damit bestreiten zu können – bloß ein paar hundert Thaler.«
»Schuft Du – diebische Bestie – willst Du die Schlüssel hinlegen!« schrie jetzt der Oberpostdirector, heiser vor Wuth, und griff nach seinen Pistolen an der Wand – »willst Du, Canaille?«
»Bitte, geniren Sie sich nicht,« grinste der Dieb – »bedienen Sie sich gefälligst,« – und mit rascher, gewandter Hand öffnete er blitzesschnell den Schrank, und griff rasch nach dem Geldsack, der hinten, an dem ihm wohlbekannten Platz in der Ecke stand.
»Räuber!« rief erschreckt der Kranke – spannte den Hahn des Pistols, zielte, und drückte auf seinen Bedienten ab. Der Hahn schlug aber machtlos nieder, – die Kraft fehlte, die allein den Schuß hätte entzünden können. Poller lachte nur; der Herr von Gaulitz hatte schon die andere Waffe erfaßt, spannte den Hahn, und drückte fast in demselben Moment auch diese ab – »Teufel« – knirschte er aber, als auch diese versagte, und in machtloser Wuth schleuderte er das untreue Rohr nach dem Verbrecher – es fiel machtlos vor ihm nieder.
»Hülfe!« tönte da die gellende Stimme des Verzweifelten, der sich in machtloser Wuth, und trotz des rasenden Schmerzes, mühte sich emporzurichten – »Hülfe – Hülfe – Hülfe!« umsonst, er brach halb ohnmächtig auf seinem Lager zusammen, und der Dieb sprang eben aus der einen Thür, die nach dem Thor zuführte, hinaus, als der alte Poller wieder zurückkam, seines Herrn Hülferuf (der aber von dem übrigen Gesinde, wenn es wirklich in der Nähe gewesen, doch nicht beachtet wäre, da der Kranke schon einen großen Theil des Abends so geschrien) vernommen, und nun zu seinem nicht geringen Entsetzen die Thür von innen verriegelt fand. Vergebens pochte und schlug er daran, sie wurde nicht geöffnet, dann lief er zurück, um durch die andere, durch die sein Sohn eben das Zimmer verlassen, zu seinem Herrn zu kommen, doch auch hier hatte der schlaue Räuber den Schlüssel umgedreht und mitgenommen, und ehe sich der alte ängstliche Mann entschließen konnte, förmlich einzubrechen, ja ehe es ihm nur mit seinen schwachen Kräften, allein und von allen verlassen, wirklich gelang, und er nun im Stande war, von dem, seiner Sinne kaum mächtigen Kranken die fürchterliche Wahrheit zu erfahren, hatte der Dieb schon einen solchen Vorsprung gewonnen, um bei Nacht, selbst in ruhiger Zeit jeder Verfolgung spotten zu können. Jetzt aber, in diesem Lärm und Aufruhr, und in der Verwirrung, die auf dem ganzen Gute herrschte, wäre eine solche nur um so erfolgloser gewesen.
Allerdings sandte der Alte gleich Leute nach allen Richtungen, um wenigstens seine Schuldigkeit gethan zu haben, ließ auch den Jäger hinüberschicken, und diesen gleich auf's Schloß bescheiden, der Bote aber brachte nach etwa einer halben Stunde die Nachricht, der alte Holke sei mit einem Zeichenschläger im Walde draußen, und werde auch vor tiefer Nacht nicht wieder zu Hause kommen, und die Verfolger kehrten ebenfalls unverrichteter Sache wieder. Was überhaupt noch geschehen konnte, mußte jedenfalls am nächsten Morgen geschehen.