Indessen müssen wir aber doch wohl einmal wieder zu dem Genossen des Diebes zurückkehren, der den kaum minder gefährlichen Auftrag des Brandstiftens auszuführen hatte, und zu diesem Zweck auch schon um acht Uhr, im Wagenschuppen über dem noch eine Partie Reisigbündel lagen, sein Versteck gewählt hatte. Hier nun hätte er seine Absicht mit größter Leichtigkeit und fast ohne Gefahr ausführen können, hier war aber das Hinderniß, daß der Wagenschuppen eigentlich mit keinem größeren Gebäude in Verbindung, ferner doch wieder zu sehr in der Nähe der herrschaftlichen Wohnung, und überhaupt so stand, um schwerlich große Besorgniß zu erregen, wenn er wirklich brennen sollte. Auf die Verwirrung im Gut war aber großentheils sein Plan gebaut, und gelang es ihm nicht, die hervorzubringen, so war Poller vielleicht nicht einmal im Stande, das Geld zu bekommen, und die ganze Mühe und Angst umsonst gewesen.
Es blieb keine andere Wahl, als die etwas gefährliche Expedition gegen die Scheunen zu unternehmen, und so wie sich der Hof ein wenig beruhigte, d. h. so wie die Knechte ihre Pferde, die Mägde ihre Kühe besorgt, und sonst ihre ganze Tagesarbeit beendet hatten, und nun in die Gesindestube gingen, die ersteren, um sich faul auf die Bänke auszustrecken, die letzteren noch bis um zehn Uhr für die Herrschaft zu spinnen, da schlich er langsam und vorsichtig aus seinem Versteck heraus, drückte sich, immer dabei im dunkeln Schatten der Mauern bleibend, über den Hof hinüber und an den Ställen vorüber, und erreichte eben das Obertenne, als er Schritte dicht hinter sich hörte. Es blieb ihm weiter Nichts übrig, als sich rasch hinter ein paar Schiebkarren zu werfen, die umgekehrt neben der Düngergrube standen, und dort zu warten, bis sich die unwillkommenen Störer entfernt hätten.
Es war der Verwalter mit dem Brenner, die neben einander auf dem schmalen, zwischen den Schweineställen und der Düngergrube liegenden steinernen Damm hingingen, und der letztere sagte, gerade als sie bei Krautsch vorübergingen, zum Verwalter:
»Sie können sich darauf verlassen, ich habe Jemand dort drüben an der Mauer hin und hierher zu schleichen sehen; es war jedenfalls ein Mann, der es um jeden Preis zu vermeiden schien, von Jemand gesehen zu werden. Jeder Andere, der ruhig seinen Weg hier hinter zu ging, wäre mir ja sicherlich gar nicht aufgefallen.«
»Ja, aber was soll denn Einer hier hinten zu suchen haben?« sagte der Verwalter, und blieb vielleicht zehn Schritte von Krautsch stehn – »Die Scheunen sind verschlossen – Schweine kann er nicht stehlen, denn er bringt sie unbemerkt gar nicht aus dem Hof, und Getreide? da müßte er erst durch die Ställe zu den Thüren, und das wäre doch sehr viel gewagt. Uebrigens sah ich auch Niemand, wir sind jetzt fast durch den ganzen Hof gegangen, und hier kann sich doch wahrhaftig Keiner groß verstecken – er müßte denn unter dem Schiebkarren dort liegen.«
Krautsches Herz schlug ihm wie ein Hammerwerk in der Brust – wurde er hier versteckt gefunden, so war er jedenfalls verloren, denn dann kam auch mehr zur Sprache, als gerade der jetzige Verdacht. Und noch dazu das verdammte Feuerzeug, das er bei sich trug, hätte das nicht auf das vollständigste gegen ihn ausgesagt? – Er fuhr schnell mit der Hand in die Tasche, griff den verrätherischen Brennstoff auf und wollte sich hinunter auf den Dünger fallen lassen, als der Brenner zum Verwalter sagte:
»Wenn wir nun einmal in den Ställen nachsähen? – hier draußen wird er sich schon nicht verhalten – ist er irgendwo hier, so kann er kaum bis in den Pferdestall gekommen sein.«
Krautsch athmete wieder hoch auf – gingen sie in den Pferdestall, so konnte er sich zu einem sicheren Ort zurückziehn, und bessere Zeit abwarten – im schlimmsten Fall wenigstens entkommen. – »Gott sei Dank,« murmelte er leise – sie gingen wirklich auf die Stallthüre zu – traten hinein – jetzt war kein Augenblick Zeit mehr zu verlieren – er richtete sich auf, um, so schnell er konnte, den Wagenschuppen wieder zu erreichen, knirrschte aber auch gleich darauf einen wilden Fluch zwischen den zusammengebissenen Zähnen, als er in demselben Moment, gerade von daher, wohin er wollte, Schritte und Stimmen hörte. Er hielt sich schon für entdeckt, und machte sich nur bereit, die erste Ueberraschung der Kommenden zu benutzen, neben ihnen hin Bahn, und dadurch Vorsprung zu gewinnen, und wenigstens seine eigene Person in Sicherheit zu bringen, da stieß er auf den schmalen Damm und, hinter einen kleinen Vorbau der niederen Ställe tretend, an eine nur angelehnte Thür – der Koben war jedenfalls leer, und ohne sich auch nur einen Moment zu besinnen, ja nicht einmal der Gefahr gedenkend, der er ausgesetzt wäre, wenn Jemand zufälliger Weise von außen den Riegel vorschob, schlüpfte er hinein, und zog die Klappe hinter sich zu.
Gleich darauf kamen der Verwalter und Brenner wieder aus den Pferdeställen zurück, gingen einzeln rings um den Hof herum, sprachen einige Minuten mit den letzten, deren Stimmen Krautsch gehört, und gingen dann wieder nach vorn; es war jetzt ebenfalls für sie Essenszeit und ihr Suchen doch erfolglos geblieben.
Krautsch getraute sich noch eine lange Zeit danach nicht aus seinem, so glücklich gefundenen Schlupfwinkel heraus, die Zeit verrann aber auch mehr und mehr, auf der Gutsglocke hatte es schon lange ein Viertel geschlagen, und ein Entschluß mußte endlich gefaßt werden. Vorsichtig recognoscirte er jedoch erst, ob die Luft rein sei, ehe er seinen duftenden Bau verließ. – Es war kein Mensch mehr zu hören noch zu sehen – der Hof lag in Todtenstille, nur dann und wann scholl das dumpfe Brüllen einer Kuh, das Blöken eines Kalbes, oder das Scharren und Schlagen eines noch unruhigen Pferdes durch die schweigsame Nacht. Auch der Himmel schien dem Vorhaben günstig, der Wind fing an ziemlich scharf zu wehen und es wurde recht bitter kalt, Krautsch war wenigstens, trotz seiner sehr warmen Kleidung, halb erstarrt, und konnte seine Finger kaum regen.