Schon deshalb durfte er aber auch keine Zeit verlieren – rasch trat er also aus dem Koben heraus, sprang auf den hart gefrorenen Dünger hinunter, auf dem er unbemerkter nach den Scheunen hingelangen konnte, und erreichte bald eine günstige Stelle, an der er hoffen durfte, sein bübisches Vorhaben rasch und unentdeckt ausführen zu können.
Es war dieß der Ort, an dem die Düngergrube gerade da in eine ziemlich scharfe Spitze auslief, wo das Ober- und Untertenne durch ein niederes kleines Haus, in denen Strohschneidemaschinen etc. standen, getrennt wurde; dort lagen gerade heute Abend etwa ein Dutzend Schütten Stroh, welche die Knechte liegen gelassen hatten, um erst zum Abendbrod zu gehen und nachher die Schlüssel zu der Kammer gleich mitzubringen. An diese drückte er sich hinan, sah sich vorher noch einmal schüchtern um – es war kein Mensch zu sehen – entzündete rasch einige Schwefelhölzer, und an diesen ein kleines Packet, das er aus Schwefelfaden, Schwamm, und anderen leicht brennbaren Sachen zusammengewickelt bei sich trug, und schob diese mit seinem Feuerzeug, damit man selbst im ungünstigsten Falle, daß er doch noch erwischt würde, keine Beweise des Brandstiftens bei ihm finde – in eins der Löcher hinein, die unten in den Scheunen stets angebracht sind, damit das innen aufbewahrte Getreide auch hinlänglich Luft habe, und nicht modere und verderbe.
Das Knistern und Knattern drinn verrieth ihm bald, daß sein Verbrechen gelungen sei – er stopfte also schnell etwas leichtes Stroh von außen hinein, daß man die Gluth vom Hof her nicht so leicht erkennen und zu schnell dagegen einschreiten könne, und sprang dann ohne einen weiteren Augenblick zu verlieren, in die Grube zurück, jetzt das Uebrige dem Geschick überlassend, und nur einzig und allein darauf bedacht, seine Flucht glücklich zu bewerkstelligen.
Unbemerkt hatte er auch schon, wie er meinte, das Ende des hinteren Hofes und die Stelle erreicht, wo neben dem Herrenhaus die Gesindestuben, die Verwalterei, Brennerei und noch einige andere Gebäude lagen, und eben wollte er über den freien Platz hinlaufen, um das noch offene Thor zu gewinnen, als plötzlich, aus der dunklen Thür der Brennerei eine ziemlich breite kräftige Gestalt, ohne ein Wort zu sagen, vorsprang, und ihm den Weg abschnitt. Krautsch stutzte einen Moment, und war noch ungewiß, ob er suchen sollte vorbei zu kommen und einen möglichen Angriff zurück zu schlagen? – Wie aber, wenn sich die beiden Fäuste da in seine Kleider hingen, oder ihn umklammerten, und trotz alles Widerstandes doch festhielten? Die Gedanken zuckten ihm mit Blitzesschnelle durch den Kopf, und fast unwillkührlich wandte er sich zu gleicher Zeit wieder seitwärts ab, seinem früheren Versteck, dem Holzschuppen zu. Kaum aber sah jener zu so ungelegener Zeit erstandene Verfolger, daß der, auf den er bis dahin nur den dunklen Verdacht böser Absichten gehabt, zu entfliehen suchte, als er den auch völlig bestätigt fand und nun laut nach Hülfe rief, um den Flüchtigen einzufangen.
Krautsch war's, als er den lauten Ruf hinter sich hörte, und nun ganz genau wußte, was ihm, wenn er eingefangen würde, bevorstand, gerade so zu Muthe, als ob ihm Jemand ganz plötzlich und unerwartet einen Kübel eiskaltes Wasser über den Leib gegossen hätte; er floh nun in raschen Sätzen der Stelle zu, wo die Pflüge und Eggen theils aufgeschichtet, theils in Reih und Glied umgedreht und geordnet standen, und hoffte, wenn er über die wegsetze, seinen Verfolger entweder abzuhalten, oder doch zwischen dem Ackergeräth zum Fall zu bringen. Dieser aber – der Brenner, der, wie wir schon früher gesehn, zuerst dem Verwalter seinen Verdacht mitgetheilt, und dann aufgepaßt hatte, ob er den Eingeschlichenen vielleicht doch noch ertappen könne – war zu genau mit dem Terrain bekannt, um in eine solche Falle gleich zu gehen. – Er wußte recht gut noch, nach welcher Richtung hin der Unbekannte einzig und allein nur fliehen könne; er brauchte deshalb also gar Nichts weiter zu thun, als ihm den Weg nur so lange abzuschneiden, bis er Hülfe bekam, und nachher durfte Jener gar nicht mehr hoffen zu entkommen.
Aus der Gesindestube traten in diesem Augenblicke schon einige, durch den lauten Ruf herausgelockte Knechte, die Krautsch kaum sah, als er die Richtung einschlug, als ob er gerade wieder nach den hinteren Tennen zurückflüchten wolle, dann aber plötzlich rechts ab einen Haken schlug, und dadurch den Brenner irre zu leiten suchte. Der aber war nicht so leicht anzuführen, denn er wußte gut genug, es könne dem so heimlich eingeschlichenen Gesellen nur daran gelegen sein, wieder aus dem Thor zu entkommen, und den Ausweg hielt er deshalb fest und unerschütterlich besetzt.
»Feuer!« tönte da plötzlich der Schreckensruf aus dem hinteren Theile des Hofes vor – »Feuer – Feuer in den Scheunen Feuer! –«
Das Wort flog von Mund zu Mund und Alles wandte sich, den bisher Verfolgten ganz vergessend, nach der Gegend zu, von wo aus der Ruf herüber drang. Krautsch wußte aber, daß jetzt für ihn, und zwar vielleicht nur auf Momente, die Zeit gekommen sei, der immer gefährlicher werdenden Lage zu entgehen, rasch also seinen Entschluß fassend, sprang er über die ihm nächsten Pflüge, gerade auf das Thor zustrebend hin, stieß den einen Knecht, der sich hier aufgestellt, mit verzweifelter Kraftanstrengung zur Seite, und hatte fast schon die Stelle erreicht, wo ihm selbst der etwas plumpere, aber auch stärkere Brenner nicht mehr hätte erreichen können, als dieser sich von seinem ersten Schrecken erholte, schnell zufahrend den gerade an ihm Vorbeisetzenden erwischte, und mit dem lauten Ausrufe:
»Haltet ihn – haltet den Mordbrenner!« festhielt.
»Mordbrenner!« das Wort zündete – »haltet den Mordbrenner!« schrie Alles, und selbst das Feuer war in dem Augenblicke, über dem einen Gefühle der Rache vergessen; so schwach aber auch Krautsch sonst wohl im Arme des sehnigen Brenners gewesen wäre, eine so rasende Kraft gab ihm in diesem Augenblicke die Verzweiflung und Todesgefahr. – Er packte den Brenner mit wüthender Gewalt und beiden Fäusten an der Kehle, preßte ihm diese so ein, daß der Mann seine Arme wohl auf einen Moment nachlassen mußte, schleuderte ihn dann rasch von sich ab, traf den nächsten auf ihn einspringenden Knecht so richtig mitten in's Gesicht, daß er ihn wie einen Ochsen zu Boden fällte, stieß den alten Thorwärter, der ihn in den Weg rennen wollte, bei Seite und verschwand im nächsten Augenblicke aus der schmalen Pforte hinaus in die dunkle Nacht.