Als Krautsch nun sah, daß er weder mit Leugnen, noch mit Widerstand etwas ausrichten könne, und der Jäger wirklich im Begriff sei, seine Drohung wahr zu machen, da verließ ihn endlich der starre, freche Muth, welcher bis jetzt alle seine Handlungen und sein ganzes Wesen bezeichnet hatte, er sank in die Knie nieder und bat den »Herrn Förster« um Gottes und des Heilands Willen, ihn nur heute Abend nicht mit aufs Schloß zu nehmen, sondern heim zu seinen Kindern, zu seiner Frau gehn zu lassen – sie wären krank zu Hause – eines liege im Sterben – ach nur dies eine und einzige Mal Gnade, und er wolle nie in seinem ganzen Leben wieder eine Flinte anrühren, oder ein böses Wort gegen einen Jäger sagen.

Alles vergebens, hier bei den Männern hatte er kein Erbarmen zu hoffen, und Bitten wie Thränen, denn der rohe Geselle heulte endlich in wilder Angst und Verzweiflung, blieben gleich erfolglos. Hätte er nichts verbrochen, so brauche er sich auch nicht zu scheuen, die halbe Stunde Wegs mitzugehn, und hätte er etwas verübt, denn die Flinte könnte er immer irgendwo versteckt haben, ei dann möge er sich jetzt auch auf die Folgen gefaßt machen, denn heraus bekämen sie's, es möge gewesen sein, was es wolle.

Krautsch, der hier auf für ihn so unselige Weise dem Jäger, seinem Todtfeind, in die Hände gefallen war, mußte den beiden Männern nach dem Gute hinunter folgen, und der Verbrecher wußte was ihn erwarte, wenn ihm Gerechtigkeit würde.

Zehntes Kapitel.
Der Letzte der Strohwische.

Ich habe übrigens einen unserer alten Bekannten fast zu lange unbeachtet gelassen, und es wird Zeit, daß ich ihn dem Leser noch einmal vorführe. Allerdings trägt Feodor Strohwisch dabei selbst großentheils die Schuld, denn als all' die Bewohner der Residenz mit ihren langweiligen Kaffeeklatschen und Theevisiten vor den rauhen Nordstürmen zurück in die wärmeren Mauern der Städte gezogen waren, blieb Feodor – wie ein flügellahmer Kranich am fernen Gestade – einsam in Horneck zurück und »büffelte«, wie er es selbst poetisch nannte, an einem Bande humoristischer Gedichte, die er bei seiner Rückkehr nach der Stadt »unterzubringen« dachte. So wenig er aber auch im Sommer gearbeitet, so fleißig schien er jetzt zu sein, wo ihn auch die holden Töne von oben nicht mehr störten (denn Anna Schütte war schon wieder der Schrecken aller der Bewohner der Residenz geworden, die einmal gehofft hatten, einen Nachmittag ungestört allein sein zu können) und das kalte Wetter ihn überdies in sein Zimmer bannte. Die poetischen Funken flossen ihm ordentlich elektrisch aus der Feder, und seine Gedichte mußten in der That humoristisch sein, wenn sein eigenes Urtheil nämlich auch nur im mindesten dabei angeschlagen werden konnte.

Feodor Strohwisch hatte nämlich die Eigenheit, sich jedesmal, wenn er einen Vers gemacht, denselben fünf oder sechs Mal hinter einander vorzulesen, und hatte darüber mehrere Male so gelacht, daß die Wirthsleute erschrocken in das Zimmer gestürzt waren, um zu sehen, ob ihrem Miethsmann vielleicht gar ein Unglück zugestoßen sei.

An diesem nämlichen Tage nun beendete Feodor wirklich das zu einem vollständigen Bande nöthige Gedicht, schrieb es sauber ab, legte es in seine Mappe und that, mit dem darüber auf's Aeußerste erstaunten Puppenkopf im Arme, drei von donnernden Hurrah's begleitete Freudensprünge. An dem nämlichen Abende lud er den Apotheker, den Schulmeister – der sich jedoch entschuldigte – den Gemeindevorstand und ein paar der reichsten Bauern in die Schenke ein – nicht etwa, um dort mit prosaischen Victualien ihre Magen zu überladen, nein, um ihnen bei einem Glas Bier – das sich die Bauern nicht nehmen ließen, abwechselnd für ihn zu bezahlen, was er aber in seiner Zerstreuung gar nicht bemerkte – seine unsterblichen Gedichte vorzulesen und sie theils zu stürmischem Beifall hinzureißen, theils ihre Lachmuskeln (ich glaube, dieselben Muskeln benutzt die wirthschaftlich waltende Natur auch zum Gähnen) bis zum Zerspringen anzustrengen.

Die kleine Gruppe, zu der sich noch ein paar zufällig dort durchpassirende Grünberger Weinreisende gesellt hatten, saß oben im »grünen Zimmer« bei einer ziemlich unbestimmten Anzahl von »Krügeln Bier« um einen großen runden Tisch herum, und Strohwisch, vor dem ein ganzer Haufen Papiere lag, führte das Präsidium mit Autorität.

»Meine Herren!« rief er nach einer kleinen Pause, in der er ebenfalls einen Toast in Versen auf den »Nährstand« ausgebracht – »meine Herren – aber nur nicht zu sehr dem Ernst sich hingegeben, nur die Humoristik nicht aus den Augen gelassen – es giebt im Menschenleben Augenblicke, wo man dem Schicksal näher ist als sonst, und eine Frage frei hat an die Götter – sie antworten Einem aber nicht – hahahahahaha.«

Der Schneider lächelte ebenfalls etwas dünn, die anderen saßen aber ziemlich verlegen um den Tisch her, lächelten nur, und hätten vielleicht sonst was darum gegeben, zu wissen, um was es sich hier eigentlich handele, bis endlich der Gemeindevorstand, der sich nun endlich doch überzeugt hatte, daß das jedenfalls ein Witz gewesen sein mußte, ganz urplötzlich, und zwar mit dem ernsthaftesten Gesichte von der Welt, laut herausplatzte.