Der Doctor sagte kein Wort mehr, ging aber eine ganze Weile, und zwar im tiefsten Nachdenken, im Zimmer auf und ab, bis er wieder in die Nähe des Jägers kam; dort blieb er stehn, wandte sich noch einmal an diesen und frug ihn:
»Und Ihr glaubt wirklich, daß er durch den Graben nach dem Dorfe zu entkommen wäre?«
»Ich weiß wenigstens nicht wie er sonst durchgeschlüpft sein könnte,« meinte der Jäger, »ohne daß ihn Einer von uns auch nur gesehn, oder in dem Laube gehört hätte. Der Wald ist dort viel zu licht, als daß Einer, erst dort hinein getrieben, lange Verstecken spielen dürfte.«
»Könnte er aber nicht in einen Baum geklettert sein?« frug der Doctor noch einmal, im letzten verzweifelten Versuch, auch nur an die Möglichkeit einer anderen Flucht glauben zu dürfen, aber der Forstmann schnitt ihm auch diese Hoffnung ab.
»Oh was,« brummte er, »in die Rauschenecke hatten wir ihn hinein, soviel ist gewiß, und dort waren wir ihm, wenn's auch da wirklich Bäume gäbe, in die man sich verstecken könnte, viel zu dicht auf den Hacken, als daß er an so etwas hätte denken dürfen. Der ist im Dorf, und wenn er's hier nicht ganz schlau anfängt, so kriegen wir ihn doch noch, denn ich habe unten am Garten sowohl da, wo's nach der Straße niedergeht, wie oben nach dem Wald zurück, und an dem Weg in's Dorf hinein meine Wachen ausgestellt, die keine Katze, vielweniger einen so baumlangen Kerl durchlassen.«
»Hm, hm –« murmelte der kleine Mann vor sich hin, und drängte sich, ohne etwas weiter darauf zu erwiedern, der Thüre zu. Am Schenkstand bezahlte er seine Zeche und verschwand gleich darauf, die einbrechenden 90,000 Freischaarer und die rothe Republik gänzlich der Gnade und Ungnade der Zurückbleibenden überlassend, aus der Wirthschaftsstube.
Auch das fremde Mädchen verließ das Zimmer, schritt aus dem Haus bis unter die große Linde, setzte sich auf die dort angebrachte hölzerne Bank, in den Schatten des gewaltigen Baumes, barg das bleiche Antlitz zwischen den dünnen abgemagerten Fingern, und schluchzte leise und heftig.
Die Sterne blitzten und funkelten aus dem dunkeln, von keinem Mondenstrahl erhellten Himmel nieder, durch die breitästigen Wipfel der Linden rauschte und brauste der kühlfeuchte Nachtwind; im Dorfe herrschte Todtenstille, nur manchmal tönte das Bellen eines treuen Wachthundes aus Hof oder Garten her, oder der Schritt der jetzt einzeln aus der Schenke Heimkehrenden schallte hohl von dem harten Boden wieder. Auch die Lichter der verschiedenen Wohnungen waren fast alle verlöscht, nur in der Pastorwohnung, das Haus ließ sich deutlich erkennen, denn dicht dabei stieg der dunkle kahle Thurm starr und schroff empor, brannte noch in einem der oberen Fenster ein einsames Lämpchen.
»Marie!« rief die Stimme des alten Musikus von der Thüre der Schenke aus – »Marie – wo zum Donnerwetter steckt mir die Dirne nun wieder – Marie! will ich doch verdammt sein, wenn mir die nicht noch die Galle an den Hals ärgert. Ei so geh' zum Teufel« brummte er noch eine Weile, als er vergebens gehorcht und gewartet hatte, denn die dunkle Gestalt unter der Linde rührte und regte sich nicht – »wenn sie Dich ausschließen, magst Du sehn wie du in's Haus kommst.«
Und schimpfend warf er die schwere Thüre in's Schloß.