Hell und freundlich schienen die liebenden funkelnden Sterne auf die stille Erde nieder; in den Zweigen und Aesten des alten Baumes rauschte und flüsterte es geheimnißvoll und das Käuzchen, das mit geräuschlosem Flügelschlag über die Häuser strich, setzte sich auf das nächste Dach und rief sein wehmüthiges unheimliches »Komm mit – komm mit.« – Unbeweglich aber lehnte an dem knorrig rauhen Stamm das einsame Mädchen, fest und schweigend hafteten an den fernen glänzenden Himmelskörpern ihre feuchten Blicke, und erst als vom düsteren Thurm drüben die Glocke Mitternacht schlug, schlich sie durch die Thüre, die ihr der Vater offen gelassen zu ihrem kalten harten Lager hinauf, unter das Dach der Schenke.
Siebentes Kapitel.
Die Pfarre.
Als Fräulein Anna Schütte sah, wie der Fremde nach Sophiens Arme griff, und sich nur einen Augenblick unbeachtet wußte, ja auch schon dann vielleicht, als sie den ersten panischen Schrecken überwunden hatte, daß ein wild aussehender Mensch aus dem stillen Holz, wie ein Blitz aus heiterem, sonnenklaren Himmel auf sie herniederfahren konnte, floh sie in flüchtigen Sätzen die Straße entlang, und erfüllte mit ihrem Geschrei den friedlichen Waldesdom. Selbst der Heher schwieg, bestürzt vor den gellenden Tönen, und dachte erst später daran, sie wie das übrige Vogelgeschrei, mit spottendem Flügelschlag nachzuäffen; die übrigen Waldvögel aber mieden scheu den Platz, wo ihrer Ansicht nach, etwas Entsetzliches passirt sein mußte. Sie wäre auch sehr wahrscheinlich eben in solcher Art bis in das Dorf hineingerannt, hätte sie nicht glücklicher Weise gerade am Ausgange des Waldes einen Ackerknecht getroffen, dem sie ohne weiteres um den Hals flog, und nun hier so zu weinen und jammern anfing und solche gräßliche Geschichten von Mördern und Räubern erzählte, die dicht hinter ihr wären, daß es dem armen Teufel selber ganz angst und bange wurde, und er nicht recht wußte, was er am Meisten zu fürchten habe, die nahenden Räuber, oder den Zustand der fremden Dame, der ihm schon anfing mehr als bedenklich zu erscheinen.
Der Bursche war übrigens unter solchen Umständen eben so wenig von der Stelle zu bringen; denn im Walde hatte er nach der erhaltenen Beschreibung gar Nichts weiter zu suchen, und zu Hause, von woher er erst kam, wollte er auch nicht gleich wieder. Fräulein Schütte schien jedoch ebenfalls nun, da sie zum Glück einen Beschützer gefunden, fest entschlossen, keinen Schritt weiter allein zu thun, und so trafen sie noch Hennig und Sophie, als sie aus dem Walde auf das freie Feld traten.
Sophien schien es lieb zu sein, die Freundin noch hier zu finden, sie eilte gleich auf sie zu, ergriff ihren Arm, und versprach ihr, sie zu Hause zu geleiten, bat sie aber auch zugleich, von dem Vorgefallenen im Dorfe Nichts zu erzählen, da solche Sachen immer gleich verschlimmert und dem »armen Flüchtling,« der sie im Walde angeredet, vielleicht gar wieder die entsetzlichsten Absichten untergelegt würden.
Davon wollte nun freilich Fräulein Schütte im Anfang Nichts hören, ließ sich jedoch zuletzt überreden, und bat nur Sophien, als sie endlich zu Hause angelangt war, wenigstens so lange bei ihr zu bleiben, bis die Mutter, die irgend einen Besuch gemacht hatte, zurückkehre, »denn wenn sie jetzt, und mit Dunkelwerden allein im Zimmer sitzen solle, fürchte sie sich zu Tode.«
Das sagte ihr Sophie gern zu, denn sie selbst mochte nicht gerade jetzt gleich, und in der Aufregung, in der sie sich befand, nach Hause zurückkehren.
An dem nämlichen Abend beendete, ungestört und nicht behindert durch Singen oder Rufen, Feodor Strohwisch ein humoristisches Gedicht, – es war früher einmal ein altes Liebesgedicht gewesen, das er in süßer schwärmerischer Stunde gemacht, und er hatte es heute zu einem launig politischen Epos umgeändert – es blieb nichts zu wünschen übrig, viermal hinter einander las er es sich mit immer wachsendem Beifall selbst laut vor, und sprang endlich in aller Freude auf, schritt rasch zu dem ihn erstaunt anschauenden Haubenkopfe hin, streichelte ihm die zinnoberrothen Backen, und nannte ihn »sein liebes, frommes, schweigsames Mädchen.«
In der Dämmerung war es indessen, daß durch den kleinen Obstgarten, der dicht hinter der Pfarrerwohnung lag, und hier zugleich die Grenze des Dorfes nach dem Walde zu bildete, eine menschliche Gestalt aus dichtem Gestrüpp und Dornenwerk hervorkroch, und an der Hecke hin und von dieser gedeckt der kleinen hölzernen Thüre zu schlich, die hinaus auf einen schmalen Pfad führte, der den steilen, mit Obstbäumen bepflanzten Hügel hinab, und durch das Dorf, dem Flusse zu lief. Dort aber kaum angelangt und schon mit der Hand auf dem Thürdrücker, zuckte er plötzlich von jähem Schreck berührt, zusammen, denn dicht über sich, so nahe, daß er den Sprecher hätte mit der Hand erreichen können, hörte er eine Stimme, die ihm nur zu deutlich die Gefahr verrieth, in der er sich befand.