»Du, Kahle«, sagte Einer der dort Stehenden, »der kann hier gar nich 'nein sin, sonst werd' er ja doch nicht in den Diarndern stecken bleiben – der is widder in's Hulz zurück, un mer stehn hier umsunst, un han Maulaffen feel.«

»Schweig still,« brummte der Andere dagegen mit unwilliger, aber leiser und unterdrückter Stimme, – »in den Graben is er nein, un wär't Ihr mir gefulgt, so hätten mer'n jetzt; nu aber kennen mer de halbe Nacht hier schtehn, un erwischen en doch nich. Na, Fritze muß gleich mit den Angeren kummen, un nachher laassen mer den Hund nein – der find't en!«

»Wenn er aber nu drüben 'nausfährt?« frug die andere Stimme besorgt.

»Haste keene Angst nich,« sagte Kahle mit leisem, heiserem Lachen, »davor is gesurgt, 'raus kommt er hier nich, wenn er nich beim Paster nein fährt, und da is de Thire verschlossen. Doch bis jetzt ruhig – 's is wohl noch hälle, in den Bischern drinn kennte er aber doch so nahe 'ran kriechen, daß er Eenen heren kennte, und nachens wärsch Essig.«

Der Flüchtling lag zitternd unter die Hecke gedrückt, und schaute verzweifelnd nach einem Ausweg auf Rettung umher. Kam die gedrohte Verstärkung mit dem Hunde, so war er verloren, und hier, von allen Seiten umstellt, – es blieb ihm kein anderer Ausweg, als die Pfarre, dort hinein mußte er.

Ein dichter Holunderbusch, der schon fast vollständig seine Blätter getrieben hatte, machte es ihm möglich, unentdeckt wieder die Mitte des Gartens zu gewinnen, und von hier aus kroch er in einer Vertiefung, einer Art trockenem Graben, der dazu diente, das an der Hausthür ausgegossene schmutzige Wasser, wie auch den vom Dache niederträufenden Regen in die Schlucht hinab zu führen, bis dicht zum Haus hinan. Vorsichtig hob er sich empor und ergriff die Klinke. – Die Dämmerung wurde glücklicher Weise immer dichter, und gerade dieser Theil des Hauses lag in tiefem Schatten. – Aber wehe. – Die Thür war wirklich verschlossen, und den Berg herauf – er horchte mit klopfendem Herzen den nahenden Tönen – kamen Menschen, und Hundegebell tönte dazwischen.

»Tod und Teufel!« murmelte er vor sich hin, »und so unbewaffnet diesen Bauerlümmeln in die Hände zu fallen – versuche ich's aber durchzubrechen nach dem Walde hin, so schießen sie mir wie einem tollen Hunde auf den Leib, – trag' ich denn nicht selbst jetzt die Schrote von dem Schuft in der Haut, und hat nicht nachher schon wieder Einer der blutdürstigen Hallunken auf mich angelegt? Und geradezu herausgehen und mich ergeben? – das wäre ein verdammt gewagtes Ding – weiß der Böse, wie auch all' die Sachen so ganz auf einmal gegen mich aufgetaucht sind. Ja, wäre mit dem Volke hier etwas zu machen, da ließe sich der Geschichte leicht eine andere Wendung –«

Er erschrak, denn dicht neben ihm wurden inwendig im Pastorshause Schritte laut, der Schlüssel drehte sich im Schloß, und Wahlert behielt nur noch eben genug Zeit, hinter ein paar, dort gerade neben der Thür lehnende Breter zu treten, als sich diese öffnete, und die Magd mit einem großen Kübel voll Wasser heraustrat, etwa zwanzig Schritte weit nach dem Graben zu ging, in welchem er eben heraufgekrochen, und das Wasser dort hinein ausgoß. Eine solche Gelegenheit kam nicht wieder, Wahlert glitt unter den Bretern hin, in's Haus hinein, und die knarrenden Stufen hinauf in den ersten Stock. Hier sah er noch eine kleine Treppe, über deren dritter Stufe ebenfalls eine kleine Thür befindlich war – jedenfalls ging die auf den Boden, sie war auf, und er sprang hinein.

»Alle Wetter,« murmelte er aber, und prallte daraus zurück – »das ist ja ein Zimmer –« durch den matten Lichtstrahl, der noch durch's Fenster fiel, konnte er den weißen Ueberzug eines Bettes und über den einen Stuhl hängende Frauenkleider erkennen.

Er wollte das Gemach rasch wieder schließen, und sein Heil wo anders suchen, da hörte er auf der Treppe Schritte, der Strahl eines Lichtes fiel herauf, und es blieb ihm nun gar keine andere Wahl, als geradezu wieder zurück zu springen, und die Thüre hinter sich zu zu ziehen; er mußte auf günstigeren Zeitpunkt warten, ein sichereres Versteck zu suchen.