Es war die Magd, die mit einem großen Kübel Wasser in den Händen, und das Licht in den einen Finger geklemmt, die Treppe langsam heraufstieg. Vor der Kammer, in welcher Wahlert stak, blieb sie stehen, hob den Kübel auf die Stufen, schob ihn dicht an die Thür, stellte das Licht daneben, und ging dann wieder hinunter, noch mehr Apparate zu ihrem Scheuerfeste zu holen.

Wahlert versuchte jetzt, die Thür wieder zu öffnen, um über den Gang hinüber wo möglich die Bodentreppe auszuspähen, aber – fest und unweichbar stand das schwere Wassergefäß davor, nicht einmal einen Zoll breit konnte er seinen Kerker lüften, und sollte er Gewalt brauchen? – Das ging auch nicht, dann warf er den bis zum Rand gefüllten Kübel gerade zu die Stufen hinab, und das Gepolter, und die in's Haus niederströmende Flut mußte ihm die Verfolger auf den Hals hetzen. Er behielt aber auch nicht einmal lange Zeit zum Ueberlegen, das Mädchen kam bald wieder zurück, und blieb nun oben auf dem Gange, den sie gleich darauf mit Scheuerbesen und Tüchern wacker in Angriff nahm.

Wie sollte das enden, wer wohnte überhaupt in dem Zimmer? Wahlert warf sich, den Kopf sinnend in die hohle Hand gestützt, auf einen der ihm nächsten Stühle, und überdachte seine Lage – die Möglichkeit seines Entkommens, – bedachte die Gefahr, der er ausgesetzt war, wenn er wirklich gerade jetzt, wo noch den Gerichten, wenigstens hier im Lande, nicht alle Macht genommen worden, in ihre Hände fiele. Auch die Erlebnisse ging er in seinem stillen Brüten durch.

Den, nach ihm ausgesandten Häschern glücklich entgangen, stand ihm jetzt die Welt offen – er konnte fliehen, konnte vielleicht die französische Grenze erreichen – aber was sollte er nachher dort? – Womit seine Existenz sichern, was überhaupt dort wirken, schaffen, nützen? – Nein, hier in Deutschland lag sein Ziel – Deutschland forderte von ihm seine Thätigkeit.

Das alte System, was sich lange Jahre hindurch, den Völkern zum Trotz und Hohn auf ihrem Nacken behauptet, war durch die jetzige Revolution nicht gestürzt, nein, nur kaum erst erschüttert worden, und nun galt es, daß die Männer der Freiheit Hand an's Werk legten, das schmachvolle Joch gänzlich darnieder zu schmettern und den neuen Tempel der Volkssouveränetät in herrlicher Schöne aus seinen Trümmern emporsteigen zu lassen. Und war er nicht vor tausend Anderen der Mann, der im heiligen Kampf vorangehen mußte, den Unschlüssigen? War ihm nicht die Gabe der Rede verliehen? Hatte er nicht seit dem 18. März schon zweimal das Volk zu wildem stürmischen Enthusiasmus erregt, und war es beide Male etwa nicht den »Bayonetten« gelungen, die überreif aufschwellende Knospe der Freiheit zurück zu halten und zu bewältigen? Fluch der alten Disciplin, die dem Soldaten noch wie Blei in den Gliedern lag, und ihn nicht wollte begreifen lassen, wie auch er ja nur eines Bürgers Sohn selbst wieder zum Bürger würde, wenn er den Rock auszöge, der ihm im Kampfe gegen seine Brüder nicht mehr ehre, sondern schände.

Der Zeitpunkt war jetzt erschienen, wo die letzte Hand an das große Werk gelegt werden mußte, wenn es nicht – wie das Jahr 1830 geschehen war, als ein bloßes Possenspiel endigen sollte – der Zeitpunkt war erschienen, wo es galt, das ganze ungeheure Gewicht der Volksherrschaft den Privilegien der Fürsten und des Adels gegenüber in die Schaale zu werfen, und Fluch dem knechtischen Volke dann, wenn es nicht mit ihm jubelte, daß der Schrei – ein Todesröcheln der Tyrannei – durch alle deutschen Gauen drang – »es lebe die deutsche Republik!«

Doch hier mußte er erst einen Halt unter dem Volke gewinnen, die Masse war noch zu roh, und ein energisches Auftreten von ihrer Seite, ohne vorherige wirkliche Veranlassung kaum zu hoffen – was konnte aber von hier aus auch geschehen, sie zu begeistern? – Gar Nichts, in die Residenz zurück mußte er vor allen Dingen, die Katastrophe des gewaltigen Werkes selber mit zu leiten, und nur ein Mann lebte hier im Orte, der ihm dazu behülflich sein konnte – der Doctor Levi, ein alter Bekannter von ihm, und ein Charakter, der ihm zum Werkzeug dienen konnte, seine edleren Pläne auszuführen. – Wie aber war er im Stande, dessen Haus erstlich heraus zu bekommen, und wenn das wirklich geschehen, es unentdeckt zu erreichen? – Wo wohnte der Doctor, und befand er sich gegenwärtig wirklich in Horneck? – Tod und Teufel! – der Gedanke war Wermuth und Galle in die kühne Seele dessen, der sich hier für die Freiheit eben des Volkes aufopferte, das ihn wie einen Verbrecher verfolgte, wo er sich nur öffentlich zeigte, mit Kerker und Eisen bedrohte, und wie auf ein wildes reißendes Thier nach ihm schoß. Aber fort mit dem Gedanken, das Volk war nicht schlecht, nur ein Schleier lag noch vor seinen Augen, und mit der Bürgerkrone würde es den bald lohnen, der ihm die Sehkraft wieder gab, und die Waffe in die riesenhafte Rechte drückte.

In wilden, wechselnden Bildern zuckten ihm die Gedanken und Pläne rasch und bunt durch das Hirn, bald aber wurde er wieder, und auf eben nicht tröstliche Weise zur trüben, trostlosen Gegenwart zurückgerissen. Das Mädchen draußen auf dem Gange rückte ihr Scheuerfaß und er fuhr rasch und lauschend von seinem Stuhl empor – noch aber hatte er Nichts zu fürchten – sie war nur zu einem andern Platz gegangen, und begann hier gleich wieder von Neuem.

»Wenn ich nur das Haus dieses Doctor Levi wüßte,« murmelte der Gefangene für sich hin, »was für Folgen aber selbst die einfachste, an einen fremden Menschen gerichtete Frage für mich haben kann, ist mir heute bewiesen worden. – Wie das eine liebe Kind erschrak – – daß der Teufel den Jäger hole.« Vorsichtig ließ er sich wieder auf den eben verlassenen Stuhl nieder, und fuhr eben so leise fort – »ich hätte mir's übrigens denken können, daß so schüchterne Dinger Zeter schreien würden, wenn ihnen ein solches dornzerrissenes wild aussehendes Subjekt wie ich jetzt bin, vor die Augen träte; – ich bin, beim Himmel, in einer verzweifelten Lage.«

Ein neues Geräusch vor der Thür mahnte ihn, auf seiner Hut zu sein – der Kübel wurde bewegt. – Er legte das Ohr an das Schlüsselloch – Gott sei Dank, endlich nahm die verwünschte Magd den Kübel von der Thür und trug ihn – ja, sie ging damit fort, er konnte es deutlich an ihrem Gange hören – den Corridor hinunter. Jetzt war ihm auch die Möglichkeit gegeben, diesen gefährlichen Aufenthaltsort zu verlassen, wo er jeden Augenblick entdeckt werden konnte. Nur so lange mußte er warten, bis draußen die verschiedenen Ingredienzien fort und, allem Vermuthen nach, in eine der entfernteren Stuben transportirt waren.