Aber auch draußen vor dem Fenster wurde es laut – das mußten seine Verfolger sein – ob er es wagte, sich dorthin zu schleichen? – ei, wenn er leise ging, konnte ihn unten, falls wirklich Jemand darunter wohnte, doch Niemand hören: auf den Zehen schlich er deshalb bis an das Fenster und schaute aus der dunkeln Stube heraus vorsichtig hinter den Gardinen vor in den Hof hinab, wo, wie er noch recht deutlich erkennen konnte, eine Anzahl von Männern versammelt stand und eifrig mit einander sprachen. Um aber zu hören, über was sie sich unterhielten, hätte er das Fenster öffnen müssen, und das durfte er nicht wagen. Er preßte das Ohr an die Scheibe, aber nur unverständliche Sylben waren es, die zu ihm herauf tönten. Er suchte die Gestalten zu erkennen – Einige trugen Flinten oder Stöcke, er vermochte nicht deutlich zu sehen was – wahrscheinlich das erstere – man deutete auf die Pfarrwohnung – er konnte der Versuchung nicht länger widerstehen, leise, leise schob er den vorgedrehten Fensterriegel zurück und suchte nun den Flügel so geräuschlos als nur möglich zu öffnen; glücklicher Weise knarrte das Holz auch nicht im mindesten; alt und vom Zahn der Zeit schon angegriffen, bewegte es sich weich und ohne Laut aus seinen Fugen und es gelang ihm, das Fenster gerade genug zu öffnen, um Alles zu hören und doch von unten aus nicht gesehen zu werden.
Da wurden plötzlich Stimmen auf dem Vorsaal laut – eine Hand lag auf der Klinke – Wahlert's Herz schlug wie ein Hammerwerk in der Brust, nicht einmal Zeit blieb ihm, das Fenster wieder zu schließen, nur eindrücken konnte er es und dann zurück in die dunkle Ecke neben die Gardinen springen, als sich die Thüre öffnete und eine weibliche Gestalt eintrat. Sie blieb aber auf der Schwelle stehen, legte Hut und Mantel ab, und wollte eben wieder zurücktreten, als der Luftzug auf's Neue den Flügel aufstieß und sie sich rasch danach umwandte.
»Ueber die Mädchen,« murmelte sie, als sie die Thür hinter sich schloß und der Stelle, wo Wahlert fest in dem engen Winkel geschmiegt stand, zuschritt, »ausdrücklich habe ich hier noch heute Morgen gesagt, mein Fenster ja fest zuzumachen, aber Gott bewahre, da ist doch eine wie die – ha!«
Ein laut gellender Schrei des Entsetzens entfuhr ihren Lippen, denn während sie mit der Linken das Fenster schloß, wollte sie mit der Rechten die vorgefallene Gardine zurückschieben, und ihre Hand kam dabei mit der hier versteckten Gestalt des Flüchtlings, die dabei unwillkürlich zusammenzuckte, in Berührung.
»Um Gotteswillen, mein Fräulein, verrathen Sie mich nicht,« rief aber Wahlert, der bei dem helleren Lichte des Fensters das Antlitz der jungen Dame erkannt hatte, und nun wohl vermuthen konnte, wen er vor sich hatte, schnell entschlossen – »ein Wort von ihren Lippen und ich bin ein Kind des Todes!«
»Härr Jäses, Frälen, was geiht's denn do?« rief die Magd in dem Augenblicke draußen auf dem Gange, und kam rasch herbeigeschlurrt – »was hewe Se denn?«
»Ihretwegen bin ich hier und Sie wollen mich dem Henker überliefern?« flüsterte noch einmal der Entdeckte – »mein Leben liegt in Ihrer Hand.«
Sophie sammelte sich mit krampfhafter Anstrengung und schritt auf die Thüre zu, in der jetzt eben die Magd, glücklicher Weise ohne Licht, erschien.
»Ich habe Dich doch gebeten, das Fenster nicht aufzulassen,« sagte sie, ihr entgegentretend.
»Aber Frälen, ich hob' es weeß der Himmel zugadriaht – was hatten Se denn nuar?«