»Ich? – wie um Gottes Willen – ich?«

»Gehetzt wie ein wildes Thier,« fuhr der Flüchtling mit leiser aber bitterer Stimme fort, »bin ich seit heute Morgen durch Wald und Forst gestreift, und weshalb – weil ich ein freies Wort gesprochen, weil ich dem Volke Glück und Freiheit geben wollte, und nicht darauf achtete, ob ich dabei die Großen der Erde erzürnte. Aus jahrelangem Schlaf ist Deutschland erwacht, die Fesseln der Tyrannei wirft es fort, und wären wir ein einziges Volk, jetzt, jetzt blühte die Zeit, wo wir mit einer Kraftanstrengung die Nacken heben, das Joch brechen könnten, aber während sich in dem einen Staate, in der einen Stadt das Volk in keckem Todesmuthe den Bayonetten entgegenwirft, sieht das Nachbarländchen müßig zu, und wartet, bis auch an seine Grenze die Reihe kommt, und die Fürstenknechte erst in dem einen Gebiete gesiegt haben, um nun auch in dem anderen, falls es dann noch Lust verspüren sollte, sich wirklich zu erheben, die Bande fester schürzen, die Knechtschaft unzerreißbarer machen zu können. Ihr dann, die Ihr der Gewalt kühn die Stirne bietet, werdet verfolgt, gefangen, und hält Euch erst einmal der Kerker umschlossen, o Ihr Armen, dann, wehe, wehe Euch, Ihr seht das Licht nicht wieder.«

»Aber mein Herr –«

»Verzeihung, Fräulein – ich dachte an Deutschland – nicht an mich – so hören Sie denn. – In eine fremde Gegend hierher geschleudert, wo mir Weg und Steg fremd war, wußte ich nicht, an wen ich mich, von Verfolgern umgeben, wenden könne, um die nächste Richtung nach der Grenze zu erfahren – jeder Mann, den ich anredete, konnte ein Feind sein. Da sah ich von meinem Versteck aus Sie vorübergehen – Ihr holdes Angesicht, in dem kein Falsch lag, kein Verrath lauerte, gab mir Muth, ich trat auf Sie zu, wollte mit wenigen Worten ihre Furcht über meinen Anblick beschwichtigen, das Wort der Bitte dann an Sie richten, da – ein sicherer Schütze war es, der das Blei nach mir sandte – doch vielleicht war es gut – es kürzt meine Leiden ab.«

»Großer Gott – Sie sind verwundet?« rief Sophie rasch und erschreckt.

»Lassen Sie das –« sagte Wahlert mit leiser Stimme und ein Gedanke an Rettung zuckte ihm durch das Hirn – »mein Halstuch hat die Blutung gestillt und ich finde vielleicht morgen Jemanden, der mir die Kugel aus der Wunde zieht – ich wollte – ich wollte nur nicht der Gefahr ausgesetzt sein, vielleicht – vielleicht an Blutverlust im Walde liegen zu bleiben – ohne vorher wenigstens bei Ihnen rein dazustehen – die andere Dame schien mich für einen Räuber zu halten, der hülflose Frauen –«

»Heiland der Welt,« bat Sophie in Todesangst – »wie können Sie glauben – ich war – ich wußte –«

»Sophie!« rief in dem Augenblicke eine Stimme von der Treppe herauf – »Sophie!«

Die Jungfrau eilte zitternden Schrittes zur Thüre, öffnete diese und antwortete:

»Ja Mutter – ich komme gleich.« –