»Nein, Kind, machst Du lange,« sagte die Stimme unten, »die Suppe wird ja ganz kalt – der Vater ist auch eben gekommen.«
»Ich komme den Augenblick, Mutter!«
Die Thüre unten ging wieder zu.
»Sie müssen fort – gleich fort,« wandte sich jetzt das arme Mädchen in Todesangst an den Fremden, »aber wohin wollen Sie fliehen, wohin können Sie, verwundet und ohne Beistand.«
»Wenn ein Wundarzt hier im Orte wäre, dem ich mich anvertrauen dürfte,« flüsterte der Flüchtling, »es soll hier ein Doctor Levi in Horneck wohnen.«
»Das war ein glücklicher Gedanke,« rief schnell Sophie, »auch ist der seiner radicalen Gesinnungen wegen bekannt, und wird Sie nicht verrathen!«
»Aber wie find' ich sein Haus – wie verlass' ich diesen Ort, ich bin ja wie ein Wolf, wie ein gehetztes Thier des Waldes umstellt – doch was thut's – was schadet es, hab' ich mich doch jetzt wenigstens in Ihren Augen gerechtfertigt – halten Sie mich doch nicht mehr für schlecht – was kümmert mich's da, wie die Welt von mir denkt, was die Welt jetzt mit mir thut.«
»Bleiben Sie jetzt noch hier oben, bis wir gegessen haben,« sagte Sophie rasch und entschlossen, »ich werde Gelegenheit finden, dem Doctor ein paar Zeilen zu schreiben, später soll er Sie abholen; mit Hülfe von meines Vaters Hut und Mantel wird das möglich sein. Wenn auch Wachen ausstehen, kann man Sie nicht in der Kleidung vermuthen. – Heiliger Gott, mein Vater kommt – wenn er hier einträte. –«
Der schwere Schritt des Pastors wurde auf den knarrenden Stiegen laut – im nächsten Augenblicke klopfte er an der Tochter Zimmer.
»Sophie,« sagte er dabei, »mach' rasch, daß du hinunter kommst. Die Mutter wartet und wird schon ganz ungeduldig – aber – wie ist mir denn – hier – hier ist ja gescheuert – ich will doch nicht hoffen« – er eilte schnellen Schrittes nach seiner weit offen stehenden Stube hinter, und die laut zürnende Stimme verrieth bald, was er dort gefunden haben mußte.