»Wo hat Sie die Papiere hingethan, die auf meinem Schreibtische lagen, Christel? – rede Sie, Sie unglückseliges Geschöpf!«

Die Magd sah, nicht wissend ob sie oder Jemand anderes mit dem »Christel« gemeint sei, ängstlich von Einem zum Anderen, erwiederte aber gar Nichts –

»Rieke heißt sie,« fiel die Frau Pastorin, gegen ihren Eheherrn gewandt, ein, »wo hast Du die Papiere hingethan, Rieke, und wer hat Dir überhaupt gesagt, daß Du hier im Zimmer scheuern solltest?«

»Härr Jeses,« klagte das Mädchen, »das muß mer nur wissen, aber de Schtube sach so erschrecklich aus, un der Schnupptaback drinne, un die Flecken un die Papierschnitzeln –«

»Wo sind die Papierschnitzeln, Grethe« – rief jetzt der Pastor, immer mehr sich ereifernd und vergebens bemüht, den Namen des heute erst angezogenen Mädchens zu behalten, »wer hat Ihr gesagt, daß Sie Ihre Fäuste an meine Papiere legen soll.«

»Nu, wo sollen se sin,« brummte die Magd, »ufgereimt han ich se, das versteht sich doch? – Die sin Se los – de großen Stücken han ich in den Korb da gästeckt, wu schonst mehr Papier dringe stock, und die kleenen Schnitzelchen liegen im Ofen – ich han's Feier mit angemacht, daß es schnell dreige wären sülle.«

Der Pastor fuhr erschreckt nach dem Ofen, aber das Gräßliche war wirklich schon geschehen, es glimmte dort von dünnen Holzscheiten genährt ein kleines gemüthliches Feuer, und die leichte graue Papierasche, die ihm entgegenflog, bestätigte jedes Wort, was das Mädchen gesprochen.

»Die großen Stücken in den Papierkorb, und die Schnitzelchen in den Ofen,« stöhnte der Pastor und faltete die Hände, »meine kostbaren Citate und Bibelstellen, nach großen und kleinen Papierschnitzeln sortirt – Herr vergieb mir meine Sünde, aber bei dieser Gelegenheit möchte ein frommer Christ doch wahrhaftig aus der Haut fahren – Miene, Miene, Sie hat mir hier einen Streich gespielt, den ich Ihr im Leben nicht vergesse – und meine Predigt – entsetzliche Person, meine Predigt; wenn Sie die auch verbrannt hat, muß Sie mir wahrhaftig morgen, am Tage des Herrn, wieder aus dem Hause.«

Der Pastor konnte schwer überredet werden, sein Suchen vor der Hand aufzugeben, und erst zum Essen hinunter zu kommen, das verlassen und einsam auf dem Tische stand. Glücklicher Weise fand er wenigstens den größten Theil des Vermißten wieder, und die weitere Nachforschung bis nach dem Abendessen verschiebend, hing er Hut und Mantel, da in seiner eigenen Stube kein Zoll breit Raum mehr war, auch nur einen Handschuh abzulegen, draußen vor der Thür auf einen Stuhl von wo sie Sophie, als die Eltern vor ihr her die Treppe hinunter gingen, rasch wegnahm, in ihre Stube legte, die Thüre wieder verschloß, und dann, um keinen weitern Verdacht zu erregen, mit zu Tische ging.

Das Abendgespräch bildete natürlich zuerst das eben angerichtete Scheuerunglück und dann der Entflohene, von dem der Pastor gehört, wie auch, daß er seine eigene Tochter angefallen habe. Diese Anklage des »Unglücklichen« wies aber Sophie bestimmt ab; der Mann sei, wie sie sagte, gerade auf sie zu aus dem Walde getreten, und habe sie wahrscheinlich um etwas bitten wollen, als Anna Schütte, einen wilden Angstschrei ausstoßend, davon gelaufen sei; der dazu kommende Jäger aber wäre jedenfalls viel zu voreilig gewesen, gleich auf einen Menschen zu schießen, von dem er noch nicht einmal wissen konnte, ob er schuldig oder unschuldig sei.