Dagegen eiferte der Pastor, nannte den Entsprungenen einen »Wühler« und »sehr gefährlichen Menschen«, der sich aber auch sonst noch habe viel Schlechtes zu Schulden kommen lassen und schloß mit dem herzlichen Wunsche, daß er seinem Schicksale nicht entgehen und wieder eingefangen werden möge, ehe er etwa gar mehr Unheil anrichte, und andere Menschen in's Verderben führe.

Sophie war von den Erlebnissen des Tages aufgeregt und erschöpft – klagte über heftige Kopfschmerzen und Herzklopfen, und bat die Mutter, Friederiken noch einmal nach dem Doctor hinein schicken zu dürfen, daß er ihr ein Fläschchen von den Tropfen schicke, die ihr früher so gut gethan.

»Ich möchte dem Mädchen aber wohl den Namen aufschreiben,« sagte sie, als sie aufstand, es zu bestellen – »wer weiß, was sie mir sonst ausrichtet.«

»Gewiß, gewiß,« rief der Vater schnell, und zündete sich das Licht wieder an, um die unselige Verwirrung seiner Papiere, so weit das überhaupt noch möglich war, zu heben – »und schreib's ihr ausführlich auf, der ist Alles zuzutrauen; unsere Anna Marie, die heute abzog, hatte das Pulver auch nicht erfunden, aber so dumm, wie diese Hanne, war sie denn doch wahrhaftig nicht – daß sie mir nur nicht wieder über meine Schwelle kommt, so viel sag' ich Euch.«

Und damit verließ er das Gemach und stieg langsam in sein Studierzimmer hinauf.

Eine Viertelstunde später ging das Mädchen in das Dorf zum Doctor, der eben aus der Schenke heim gekommen war. Von diesem erhielt sie ein kleines Fläschchen, das sie auch glücklich zerbrach, ehe sie hundert Schritte weit gegangen war. Unverdrossen kehrte sie aber wieder um, ließ sich dasselbe noch einmal geben, und brachte es diesmal auch wirklich bis vor die Pfarre, wo es jedoch das Schicksal des ersten theilte. Noch einmal umkehren ging nicht an – der Wächter im Dorfe tutete eben zehn, und mit thränenden Augen und Todesangst ging sie zum »Frölen« hinein und klagte ihr Unglück.

Es schadete Nichts, die Kopfschmerzen hatten nachgelassen, aber warum ging das »Frölen« nur nicht zu Bette – da wurde bei Rieken der Kopfschmerz immer gleich wieder gut. – Sophie wollte noch ein Bischen auf dem Sopha sitzen bleiben, die Pferdehaarkissen kühlten ihre Schläfe und thaten ihr wohl. –

»Nu Härr Jeses, do nähm ich mer doch was mit ze Bette,« meinte die Magd.

»Es ist schon gut, Rieke, geh' nur, ich komme auch gleich nach,« sagte des Pastors zitterndes Töchterlein, und barg die fieberglühende Stirn an dem kühlen Polster.

Halb elf Uhr war's und in der Pfarre wachten noch drei Menschen. Der Eine saß zwischen wüsten Bücher- und Papierhaufen, die zu ordnen er an diesem Abende in Verzweiflung aufgegeben, und studierte, von der Außenwelt ganz abgeschlossen, an seiner morgenden, wenigstens stückweis geretteten Predigt. Der Andere stand, die heiße Stirn an die Fensterscheibe gepreßt, oben in der Jungfrau lauschigem Gemach, und zählte in peinlicher Ungeduld die Viertelstunden, wie sie der düstere, links über den Kirchhof hervorragende Thurm langsam und schläfrig zu ihm herüber wimmerte – schaute zu den Wolken auf, die rasch und geisterhaft an den funkelnden Sternbildern vorüber glitten, und horchte mit klopfendem Herzen dem leisesten Geräusch, das aus Garten oder Hofraum zu ihm herauf tönte.