Rasch, doch geräuschlos schob sie den schweren Riegel zurück – auch das Schloß wich, und ächzend öffnete sich die Thür – aber der Pastor oben vernahm nicht den Laut, der zu jeder Zeit seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch genommen hätte, tiefbrütend saß er über der schwülstigen Rede, die morgen in vernichtender Kraft von der Kanzel hernieder donnern sollte, und durch den Garten draußen, an der Hecke hin, den schmalen Pfad hinunter auf dem breiten Weg, der in's Dorf führte, und in dieses hinein, bis zu dem kleinen niedrigen, von breitästigen Kastanien beschatteten Häuschen des Doctors schritten rasch und wortlos zwei Männer und verschwanden bald in die, sich augenblicklich wieder hinter ihnen schließende Thür.

In ihrem Kämmerchen aber, das holde thränenfeuchte Angesicht fest, fest in die Kissen hineingeschmiegt, und die Brust nur von dem einen Gedanken, dem einen Bewußtsein tiefen unsäglichen Schmerzes erfüllt, lag die Jungfrau und weinte – weinte, als ob ihr von diesem Augenblicke an alle und jede Freude auf der weiten schönen Gotteswelt abgestorben und gebrochen wäre.

Achtes Kapitel.
Jägers Fritz und Schulmeisters Lieschen.

Es war ein freundlicher sonntägiger Frühlingsmorgen, der zweite April im Jahre unseres Herrn 1848, der Himmel spannte sich blau und sonnig über die schöne, blüthengeschmückte Erde, der Wald lag schlummernd unter der leichten, maigrünen Laubdecke, die Lerchen stiegen fröhlich wirbelnd empor aus der schon wogenden Wintersaat, und der Storch stand langbeinig und ernst oben auf dem Kirchendach, ließ sich nicht stören durch den munteren Krähenschwarm, der oben um den Thurmgiebel krächzte, und schaute gar bedächtig in das Dorf hinunter, als ob er selber neugierig wäre zu sehen, wer heute bei dem herrlichen, köstlichen Wetter wohl in die kalte, feuchte, dumpfige Kirche käme, um zu seinem Gott zu beten, und es nicht vorzöge, draußen im Freien, in jeder Blüthenknospe, in jedem zwitschernden, jubelnden Sänger des Waldes und Feldes seinen Schöpfer und Erhalter, seinen liebenden, sorgenden, waltenden Vater zu verehren.

Unten an den Glockensträngen hing eine Schaar jubelnder, ausgelassener Schulkinder, und riß an den hanfenen Seilen, während droben der Klöppel summend und dröhnend gegen seine metallene Hülle schlug, und manche geschäftige Mädchenhand eilte das Mieder rascher zu schnüren, und die bandgeschmückte Haube zu ordnen, manchen breitgeschweiften Hut in die struppige Stirn seines Eigenthümers drückte und ihm das schwarzhäutige Gebetbuch unter den Arm schob.

Und drüben, am dunkelgrünen Rande des Nadelholzes stand ein schlankes, scheues Reh, und lauschte vorsichtig nach den wohl oft gehörten, aber doch unbegriffenen Tönen hinüber; auch der Storch drehte manchmal den Kopf dem summenden Laute zu, als wenn er sehen wollte, ob es der Klöppel oben oder die wilde Jugend unten am ersten überdrüssig würde, und die Lerche jubelte harmonisch in den Klang hinein und hob sich, wie von den schwellenden Tönen getragen, höher und höher; die aber zitterten durch die blaue, weißhauchige Luft, über die thauschweren Blüthen und Halme hin, nach dem Wald hinüber, und dem hehrrauch gefülltem Thal; und in die fernen Schlüchte und Gründe, in die Zweige und Büsche hinein, schmiegte sich der Schall, und der Luftzug trug ihn fort, weiter, immer weiter hin in dem Aethermeer, bis er in blauer Ferne über die Halden, über die Hänge hin verschwamm, und Maiblumen und Veilchen nur noch wie ahnungsvoll und grüßend hinüber nickten, und die perlenschweren Kelche wiegten und schaukelten.

Fromme, oder wenigstens pünktliche Kirchengänger zogen die engen Pfade entlang dem Gotteshause zu, rothe gesundwangige Mädchengesichter, die Augen züchtig auf die blankgewichsten Schuhspitzen niedergesenkt, und gebeugte Greise, die schon die Zeit berechneten, wo sie in ihrem schmalen, letzten Haus den Pfad hinauf getragen würden, den sie jetzt noch alterschwach, aber nicht lebensmüde, – denn der junge Lenz pflanzte auch neue Hoffnung in ihre alten Herzen – hinauf wandelten.

Warm und wohlthuend schien die schon hoch über dem fernen Wald stehende Sonne in des Schulmeisters kleines, aber freundliches Gärtchen, das von seines Töchterleins fleißiger Hand gepflegt, der lieben Blumen und Blüthen gar viele und herrliche trieb; Frühtulpen und Narcissen, Veilchen und Aurikeln, Maiglöckchen und Leberblümchen wetteiferten im Farbenschmelz und süßem Duft, und Schulmeisters Töchterchen selber war nicht die unbedeutendste Blume in ihrem lieben, freundlichen Garten.

Niemand wußte das übrigens besser, als Fritz Holke, des Jägers ältester Sohn und Gehülfe, der erst kürzlich seinen Militairdienst beendet hatte, und nun hoffen durfte, in späterer Zeit entweder in seines Vaters Stelle bestätigt zu werden, oder doch irgend einen anderen Posten, der seinen Mann ernährte, zu erhalten. Um aber auf alle Fälle gesichert zu sein, glaubte er nichts Eiligeres zu thun zu haben, als sich nach einer künftigen Hausfrau schon bei Zeiten umzusehen, und seinem Geschmack machte es allerdings Ehre, daß er dazu Schulmeisters Lieschen gewählt. – Ein herzigeres Kind, eine bessere Tochter, ein rechtschaffeneres Mädchen gab es nicht im weiten schönen Land, und was ihr Aussehen betraf, so konnte sie mit den gesundheitfrischen Wangen und den schelmischen Grübchen drinn, den treublauen Augen und der schlanken fast zarten Gestalt, auch den Vergleich mit Mancher aushalten, die sich sonst vielleicht weit schöner und besser dünkte, als eben »Schulmeisters Lieschen.«

Bei Schulmeisters war schon Alles seit Tagesanbruch munter und geschäftig gewesen, und so früh es auch noch an der Zeit sein mochte, liefen doch die Kinder schon gewaschen und angezogen im Hause herum, in der frisch gescheuerten Schulstube, denn diese diente der ganzen Familie zum Aufenthalt, kräuselte sich der klare schneeige Sand, und auf dem Tisch lag ein schloßenweißes Tuch mit dem schwarzen Brod, der kernigen Butter und dem blinkenden Messer darauf, weil der Vater gern, ehe er in die Kirche ging, einen Imbiß nahm. Niemand Anderes als Lieschen hatte das Alles besorgt, jetzt aber schlüpfte das maifrische Kind selber zur Thür hinaus, durch den Garten, und stand bald, von einem Fliederbusch gedeckt in dem kleinen Pförtchen, das auf den in den Wald vorbeilaufenden Pfad hinausführte. Einen grünen Rock hatte sie am Fenster draußen vorbei gehen sehen, und aus dem Fliederbusch streckte sich ihr jetzt mit herzlichem Gruß eine Hand entgegen, und eine freundliche Stimme sagte: