»Bravi, bravi mein holdes Kind, – ganz vortrefflich – aber viel zu traurig – ich bin selbst humoristischer Schriftsteller und weiß den Werth eines heiteren Liedes zu schätzen – singen Sie uns einmal etwas Lustiges – bitte meine Holde, etwas Lustiges!«

»Ja wahrhaftig, was Lustiges!« stimmten eine Menge Ladenschwengel aus der Stadt, mit rothen Gesichtern und noch viel rötheren Fäusten, ein – »bitte Mamsell, was Lustiges!«

»Sehn Sie, mein Fräulein, einstimmig angenommen,« lächelte Feodor und holte dabei ein Blatt Papier aus der Rocktasche – »hier haben Sie etwas Lustiges – Melodie: ›Ich bin der Doktor Eisenbart‹, ein wunderhübscher Text – pikant witzig – die Menge muß es bringen.«

»'Raus mit das Lustige!« rief der kleine Bauer, der dicht vor Strohwisch stand, »'raus dermit, juchhe!« und den Hut schwang er dabei in der Luft, sprang in die Höh und kam gerade wieder auf Feodors einem Hühnerauge nieder, daß dieser laut aufschrie und mit dem emporzuckenden Knie dem dicken Burschen dermaßen unter den letzten Rückenwirbel fuhr, daß er ihn jählings bis dicht an das Orchestergeläude ansandte.

Das Gedränge ließ aber keine Zeit zu weiteren Erörterungen – die Menge war augenscheinlich fest entschlossen »was Lustiges« zu hören und da auch der Wirth nicht weit von dem Orchesterplatz auf einen Stuhl trat und mit den Armen nach dem Mädchen hinübertelegraphirte – denn überschreien ließ sich der Lärmen nicht, – da drang auch Meier selber in die Tochter und fuhr sie endlich, da sie sich immer noch weigerte, mit rauher unfreundlicher, aber nichts destoweniger unterdrückter Stimme heftig an:

»Donnerwetter, dumme Liese – was stehst Du da und läßt den Kopf hängen wie eine geknickte Levkoye – siehst Du nicht was der Wirth da drüben herüber winkte? Willst Du etwa, daß wir heut Abend hungrig zu Bett gehn sollen? Dunkel wirds auch schon – das fehlte noch, daß Du Dich an zu zieren fingest – da – hier ist der Wisch, Du wirst's wohl eben noch lesen können, - na – wird's?« – Und ein häßlicher Fluch entfuhr seinen Lippen und färbte die Wangen des bleichen Kindes mit höherer Röthe. Der Alte hatte aber indessen die Geige genommen, das Lied präludirt und der Gesang des Mädchens fiel in die absichtlich schrill und komisch gehaltenen Töne des Instruments mit einem Wohllaut ein, der die Worte des faden Liedes Lügen strafte, und von ihren Lippen klang, als ob es wäre auf einer Orgel gespielt worden.

Eine ganze Menge Verse mußte das arme Kind der rohen Zuhörerschaar vorsingen, und nach jedem Refrain jauchzten und jubelten sie, und zugleich stellte sich bei ihr selber der alte fatale Husten wieder ein und gab dem Fleck auf ihren Wangen eine eigene fliegende Röthe. Endlich war das Lied beendet, rauschender Applaus schallte ihr von allen Seiten entgegen, und mit ängstlicher Verbeugung, das Tuch noch fester um sich herziehend, stieg sie die schmalen Stufen herunter, um das Papier dem Eigenthümer wieder zurück zu geben.

Freund Strohwisch stand aber noch immer in wüthenden Applaus versenkt, seinen linken Glacehandschuh hatte er schon im wahren Sinn des Worts geopfert, denn das papageigrüne Leder war, wie ob solcher Behandlung verzweifelt, auseinandergefahren.

»Bravi, bravi – excellentissime!« schrie er dabei kirschroth vor Freude und sein Hut, der ihm grad oben auf dem kurzen struppigen Haar saß, zog sich durch eine eigene Bewegung der Stirnmuskeln, bis fast dicht auf die buschigen Brauen hernieder, so daß seine Augen unter dem Rande wie eine Schildkröte, die sich eben in ihr Schild zurückgezogen hat, hervorsahen. –

»Hier mein Herr!« flüsterte Marie und reichte ihm den zerknitterten Zettel. –