Die Männer schritten rasch einem dichten Menschenknäul näher, der durch immer neu hinzuströmende Massen mit jedem Augenblick mehr anzuschwellen schien. Aus diesem aber drang ihnen bald in verworrenen Stimmen der Ruf entgegen – »Das Ministerium hat abgedankt« und Einer jauchzte es dem anderen zu, Einer nahm von den Lippen des Anderen die willkommene Kunde; denn was die Herzen der Jugend mit lauter jubelnder Siegeslust erfüllte, das fachte selbst in den Herzen der älteren Männer freudige, kaum geträumte Hoffnungen an. Es war für sie, für ihr Land das erste Zeichen der siegreichen Revolution und mit dem Sturz der verhaßten glaubten sie nun auch eine bessere Zeit erwarten zu dürfen.
Ein Mann aber vor allen Uebrigen schien förmlich außer sich vor lauter Jubel und Siegeslust, und das war der Doctor Levi. – Vor dem Tanzsaal, in der zweiten Abtheilung des Gartens, hatte er sich in die auszweigende Gabel eines knorrigen Apfelbaums geschwungen, und mit seiner weitgellenden, dünnen, lispelnden Stimme, welche von der telegraphenartigen Bewegung der Arme würdig accompagnirt wurde, schleuderte er seine Ideenfülle in die, über solchen Eifer fast noch mehr als über die Nachricht erstaunte Schaar der Bauern hinaus. Ueber die erduldete Schmach sprach er, die bis jetzt den Namen Deutschlands geschändet hätte, über die kommende Größe Deutschlands jubelte er, über seine Einigkeit und seinen Sieg, über den Phönix, der aus der lodernden Gluth der Knechtschaft erstanden sei, und sich nun in erneuter Jugendschöne dem freien reinen Aether entgegenschwingen werde.
Die Bauern verstanden keinen Satz davon, aber die Worte Sieg, Knechtschaft, erduldete Schmach etc. etc. gaben ihnen einen ungefähren Begriff von dem, was eigentlich gemeint sei, und ein lautes donnerndes Hurrah – sie hatten sich lange nicht so herzhaft schreien hören – füllte jede Pause, in der der kleine hitzige Mann für einen Moment rasten mußte, um nur wieder Athem zu schöpfen und frische Kräfte zu sammeln.
Von dem Lärmen angelockt, strömten immer mehr Männer und auch Frauen aus dem Dorfe herbei und die Versammlung wuchs so von Minute zu Minute. Unterdessen geschah aber in Horneck selber etwas, das seiner Bewohner Interesse noch fast mehr in Anspruch nahm als selbst die Ministerkrisis, da es den Leuten gewissermaßen vor der eigenen Thüre passirte, und sie selber mithandelnde Personen oder doch Zuschauer sein konnten. Dazu muß ich aber etwas weiter ausholen und will deshalb ein anderes Kapitel beginnen.
Zwölftes Kapitel.
Die Gutsherrschaft.
Die Kirche war eben ausgelauten und die frommen Leute, die den Nachmittagsgottesdienst beigewohnt, gingen raschen Schrittes zu Hause und freuten sich den ganzen Weg auf die braune Kaffeekanne, die, wie sie recht gut wußten, jetzt in der verschlossenen Röhre stand und zischte und brodelte. Die fröhliche Knabenschaar sprang jauchzend über den grünen Plan und neckte und tollte in muthwilligem sprudelnden Jugendmuthe, während die Mädchen, verschämt unter sich kichernd und lachend, zwei und zwei gar züchtig den Steg hielten, und sich erst da trennten, wo die Pfade links und rechts und gerade aus nach den verschiedenen Theilen des Dorfes hinunter führten.
Auch Fritz, des Jägers Sohn, schritt raschen Schrittes zwischen ihnen hin, aber nicht aus der Kirche kam er, denn die Doppelflinte hing ihm auf der Schulter, und auch nicht freundlich, wie er sonst gewohnt, nickte er herüber und hinüber, sondern mürrisch und augenscheinlich mit recht finsteren, ärgerlichen Gedanken beschäftigt, eilte er, ohne aufzusehn von seinem Pfad, oder das herzliche und oft gerufene »Gott griß Uech« auch nur einmal anders als mit stummem Kopfnicken zu beantworten, rasch den steilen Seitenpfad zum Gut hinunter, über den Hof hin und stand bald darauf im Vorsaal des hohen höchst elegant eingerichteten Gebäudes, das der Eigenthümer des Rittergutes im Sommer regelmäßig, manchmal aber auch sogar den ganzen Winter hindurch bewohnte.
»Ist Herr von Gaulitz zu Hause,« frug er hier einen grämlichen Bedienten, der mit einem ganzen Arm voll Teller gerade aus der Stube kam.
»Bei Tische,« lautete die lakonische, mürrisch genug gegebene Antwort des Alten, der, ohne den »Grünrock«, wie er ihn unten in der Küche titulirte, weiter eines Blickes zu würdigen, langsam und gravitätisch durch die andere Thüre verschwand.
»Das fehlte auch noch,« murmelte Fritz, ging zum Fenster, setzte sich dort auf den Sims und stellte, den Kopf müde an den eingeklappten Laden stützend, die Flinte zwischen seine Knie, wo er sie bequem mit der Hand halten konnte. Der Bediente kam indeß wieder zurück, ging in die Stube, kam nach etwa einer halben Stunde zum zweiten Male heraus und blieb jetzt, nachdem er durch kurze Seitenblicke vergebens gesucht hatte, die Aufmerksamkeit des jungen, geduldig harrenden, aber ganz mit seinen Gedanken beschäftigten Jägersmannes auf sich zu lenken, dicht vor diesem stehen und sagte mit scharfer, näselnder Stimme und mit recht hämischem Tone: