»Halten zu Gnaden,« platzte Fritz heraus – »der alte Schuft peinigt mich, wo er mich sieht, bis auf's Blut, weil ich seinen Sohn Karl bei Schulmeisters –«
»Ich verbitte mir in meiner Gegenwart alle Schimpfworte,« sagte der Herr scharf und streng, »und Ruhe jetzt – ich habe nicht Deine Anklagen hören, sondern Dir nur die Wiederholung der Excesse verbieten wollen. Ich habe Dich wegen zweierlei rufen lassen.«
»Eure Gnaden zu Befehl,« sagte der Jäger, der nur mit Mühe den gewaltsam aufdrängenden Unmuth verbiß.
»Zuerst,« fuhr der Oberpostdirector fort, »hat der Herr Pastor Scheidler heute erst und zwar wiederholt Klage über Dich geführt, daß Du die Kirche nicht allein regelmäßig versäumst, sondern Deine Frechheit sogar noch so weit treibst, mit der Flinte auf dem Rücken unter seinen Fenstern vorüber zu gehen.«
»Herr Oberpostdirector.«
»Ruhe jetzt – ich will Dich nicht erst darauf aufmerksam machen, wie es schon um Deiner Seelen Heil willen nothwendig wäre, daß Du die Predigt anhörtest und in Dein sündhaftes Herz aufnähmest – Dein Schulmeister hätte Dich das schon von Kindheit auf lehren müssen, wenn der Religionsunterricht nicht gerade durch die Lehrer auf wahrhaft traurige Weise vernachlässigt würde. Nur ermahnt möchte ich Dich hiermit haben, in Gottes und Christi Namen, seinem Rufe zu folgen – meide die Schenke und andere böse Gelüste, die der Versucher Dir entgegen halten könnte und blicke hinauf zum Herrn, der da ist die Liebe und die Herrlichkeit – Amen!«
Der Jäger erwiederte kein Wort und sah nur still und finster vor sich nieder, Herr von Gaulitz aber ging mit andächtig gefalteten Händen ein paar Mal im Zimmer auf und ab, blieb dann plötzlich vor Fritz Holke stehen, sah ihm fest in's Gesicht und fuhr fort:
»Das Andere, wegen dessen ich Dich zu sprechen verlangte, ist die Wilddieberei – der junge Poller hat heute Morgen ein krankes und ein verendetes Reh im Walde gefunden und ist zwei fremden Burschen mit Büchsen begegnet, die sich, wie er mich versichert, nicht einmal sehr vor ihm gescheut hätten, sondern so ruhig ihre Straße gegangen wären, als ob sie auf den gesetzlichsten Wegen wandelten. Das muß mir anders werden, Fritz, oder Ihr, Dein Vater und Du und ich, wir bleiben keine guten Freunde.«
»Halten zu Gnaden, Herr Oberpostdirector,« sagte Fritz jetzt, als der gestrenge Herr schwieg und finster nach ihm hinüberschaute – »die Wilddieberei im Holze ist schlimm, und der Vater und ich wissen das alle Beide gut genug, wir liegen aber auch Tag und Nacht im Holze und an den Holzrändern herum und thun unser Bestes, dem Uebel zu steuern. Ganz es zu heben ist aber uns zweien nicht möglich, das Revier ist zu groß, und die Rausche, die es noch dazu in zwei Theile schneidet, macht es manchmal zur Unmöglichkeit, an allen bedrohten Stellen zugleich zu sein. Wären es übrigens ordentliche Wilddiebe, die regelmäßig hinausgehen und ihr Reh todtschießen, so bliebe das immer schlimm genug, sie thäten aber nicht so großen Schaden und ließen sich auch endlich ausspüren und aufheben, oder doch wenigstens verscheuchen, so aber laufen die Bauern selber mit alten Schrot- und Communalflinten, in die sie klares Zeug laden, draußen herum, knallen auf Alles, was ihnen vorkommt und flicken Rikke und Kalb an, daß es später im Walde elendiglich verkommen muß. Schneidet man dann einmal so einem Burschen den Weg ab und kann er zuletzt gar nicht mehr fort, so wirft er seine alte Flinte, die des Aufhebens gewöhnlich nicht werth ist, in den nächsten Busch und leugnet nun Stein und Bein, selbst einen Schuß gehört zu haben; er ist meistens auch auf seinem eigenen Grund und Boden, und weiß recht gut, daß sich solcher Art nichts gegen ihn ausrichten läßt.«
»Das ist ja eine recht erfreuliche Botschaft,« sagte der Oberpostdirector mürrisch – »da halte ich zwei ausgelernte Jäger, einen alten und einen jungen auf meinem Gute, und muß nun hören, daß die mir ganz aufrichtig und ungenirt melden, die Wilddieberei nehme so überhand, daß es ihnen selbst zu arg würde. Ei zum – mit Verlaub, mein Bursche, ich soll wohl hinausgehen und Euch die Wilddiebe forttreiben, damit Ihr bequemer schlafen könnt.«