»Nein – in der That nicht,« erwiederte Marie mit erzwungenem Lächeln – »da wünsche ich – wünsche ich Ihnen recht herzliches Glück – recht herzlichen Segen. Aber – mit wem?«
»Mit wem? nun mit Wahlert –«
»O!« rief Marie, und sprang rasch nach dem Fenster, an dessen Gesims sie sich festhielt.
»Was ist da?« frug Sophie und folgte ihr – »was gab es da?«
»Das Kind dort – wäre – wäre beinahe unter den Wagen gekommen – das unvorsichtige,« sagte Marie und deutete, während es sich wie ein schwarzer Flor um ihre Augen zog, nach der Straße hinunter.
»Welches? Der Knabe da?« frug erstaunt Sophie – »nun seh' Einer den kleinen kecken Kerl an, da steht er noch ganz ruhig und schaut hinter dem Wagen her, als ob gar Nichts vorgefallen wäre – aber ich habe Ihr Versprechen, Marie?«
»Ich will schweigen wie das Grab,« erwiederte die Arme.
»Aber nur nicht so ernst – der Brautstand ist eine fröhliche Zeit, und da muß man auch fröhliche Gesichter um sich haben. Also mit meinem Brautkleide lassen Sie mich nicht sitzen, morgen komm ich wieder herunter und da wollen wir das Nähere darüber besprechen – oder Sie kommen zu mir herauf. – Ach ja, liebe Marie – nicht wahr Sie kommen? Sie haben den Doctor Wahlert ja auch schon früher gesehen und sich selbst für ihn interessirt, weil er die Rechte des armen Mannes so vertrat.«
»Aber Wahlert,« sagte Marie endlich gesammelt, und mit fester, jedoch noch immer leiser, fast furchtsamer Stimme, als ob sie sich scheue, selbst den Namen des, ach so heiß geliebten Mannes auszusprechen – »Doctor Wahlert war ja von seinem Vater, dem Generalsuperintendenten, verstossen – der Vater hatte sich losgesagt von dem Sohne, und wollte ihn nicht wiedersehen, bis er seine politische Meinung geändert habe, und hat er das gethan?«
»Ei bewahre, mein liebes Kind,« erwiederte ihr freundlich Sophie, »das thut er nie, doch müde ist er geworden des nutzlosen Ankämpfens gegen Menschen, die, wie er uns gestern sagte, aus ihren Schreibstuben heraus oder hinter der Hobelbank vorgesprungen sind, und nun blind in's Geschirr hinein politisiren, und alle befehlen, aber keiner gehorchen wolle – müde ist er's, für ein Volk zu kämpfen, das nicht einmal selbst den eignen Arm zu seinem Schutze erheben will und in einem kleinen Theil ihn unterstützt, in einem anderen ihn anfeindet. Ja seine eignen Freunde sind gegen ihn aufgetreten, weil er nicht die Republik mit Bürgerblut beginnen wollte, sondern sie auf den Volkswillen zu gründen strebte. Er wird ganz traurig, wenn er nur von unseren Verhältnissen reden hört, und will jetzt nach Amerika auswandern.«