»Nach Amerika,« flüsterte leise Marie.
»Sein Vater hat ihm selber den Vorschlag gemacht, den er mit Freuden ergriff – denken Sie sich nur, Marie – ich gehe mit nach Amerika – hätten Sie dazu den Muth?«
Marie konnte sich nicht mehr helfen, sie barg das Antlitz in den Händen und lehnte sich, um nicht zu stürzen, an das Fensterbret.
»Nun so fürchterlich ist es auch nicht auf der See,« lachte aber Sophie, die in ihrer Fröhlichkeit die Bewegung des armen Mädchens, das sie unbewußt mit furchtbaren Martern quälte, gar nicht verstand – »aber ich stehe hier und plaudere, wo ich schon lange wieder oben sein sollte, sein Sie nicht böse, Marie – aber lieber Himmel, Sie sind wirklich krank – sehn Sie nur, wie blaß – nein ich schicke Ihnen das Kleid herunter, und dann schneiden wir es hier zusammen zu. Adieu Marie – auf ein frohes Wiedersehn.«
Sie sprang, noch einen Gruß zurückwinkend, die steile dunkle Treppe flüchtig hinab, und Marie blieb in dem kalten leeren Gemach still und allein zurück.
Neuntes Kapitel.
Die Schulvisitation.
Die erste Morgen- und Religionsstunde des Freitag Vormittags war eben vorüber, die Kinder bekamen eine kurze Rastzeit verstattet, um sich erst ein wenig zu sammeln, und die untere Klasse mußte dann in dem einen Theil der Stube still und ruhig auf ihren Plätzen sitzen und zuhören, während der Lehrer mit der ersten seinen zweiten Unterricht, Verstandesübungen, vornahm. Hennig brachte diese Stunde stets nach dem Religionsunterricht, da er diesem, den Schulgesetzen zu Folge, eine volle Stunde zu widmen verpflichtet war, Kinder aber, die noch das eigentliche Wesen Gottes – das wenn wir ihn, den Allliebenden, erst einmal im eigenen Herzen erkennen lernen, uns mit einem so heiligen, süßen aber auch stolzen Gefühl durchschauert – nicht selbst begreifen und empfinden können, sondern nur dadurch in einer gewissen Scheu und Ehrfurcht gehalten werden, daß man ihnen sagt, Gott habe sie erschaffen und sähe Alles was sie Gutes und Uebles thäten, fühlen darin allerdings, sobald ihnen die Gottheit vorgeführt wird, und die Aufforderung zum Gebet zu ihm den Allmächtigen an sie ergeht, einen gewissen Reiz, ja ich will sogar zugeben, ein ahnungsvolles Leben – eine volle Stunde ist aber der Lehrer wohl selten im Stande, sie aufmerksam und gespannt auf das zu erhalten, was sie immer nur glauben, nie begreifen können, und der zu sehr erregte Geist erschlafft.
Zweckmäßig dennoch dünkte ihm eine freiere Unterrichtsstunde, auf die sich die Kinder jedesmal freuten, und der sie sich mit aller Liebe und Aufmerksamkeit hingaben. Hennig sprach hierin nämlich von allerlei, was entweder aus Geschichte und Geographie zufällig zur Sprache kam, oder sonst in das wirkliche Leben eingriff, und that dann Kreuz- und Querfragen an die Kinder, die sie ihm nach besten Kräften beantworten mußten. Allerdings kam da oft wunderliches Zeug genug zur Sprache, denn viele der Knaben waren mit einer so hartnäckigen und fabelhaften Dummheit gesegnet, daß, wenn nur irgend Wahrheit in Sprichwörtern liegt, ihnen ihr künftiges Glück in der Welt gar nicht hätte entgehen können; oft lag aber auch ein tiefer, ich möchte sagen instinktartiger Sinn in anscheinend verkehrten Antworten, und anstatt dann, wenn sie nicht auf die Fragen paßten, darüber hinzugehn, wie das leider fast stets von den Schullehrern geschieht, ging er vielmehr selbst auf die Sache ein, forschte nach der Ursache, die den Knaben zu solcher Antwort geführt und berichtigte oder ermunterte, wie es nun gerade der Fall verlangte.
Eine Störung trat übrigens, gerade vor dem Beginn der Stunde ein, ein Bauer trat in die Schulstube, und schleppte seinen Jungen, einen dicken, runden, schmutzigen, vierschrötigen, blondhaarigen und blauäugigen, etwa fünf Jahr alten Bengel, der sich verschämt und ängstlich an seine Rockschöße klammerte, und mit Händen und Füßen gegen jede Bildung und Cultur auf das Entschiedenste anstrampelte, hinter sich her zum Schulmeister hin, faßte seinen Jungen ohne weitere Umstände beim Kragen, stellte ihn mit dem verdrossenen und verweinten Gesicht ruhig vor den Schulmeister hin und sagte:
»Hiar, Schulmeester – hiar bring ich main Aelsten, der Bängel hat sich schonst lange gäwinscht in die Schule zu kummen – macht mer was Gescheit's aus'em – ufgenummen hat'en der Herr Paster schunst – er is nur noch en Bischen verschreckt.«