Poller erwiederte Nichts, sondern schlich nur, während im Innern die klagende Stimme der Frau laut wurde, vorsichtig wieder auf seinen alten Platz zur Thüre, und legte erst das Auge und dann das Ohr so dicht als möglich an das Schlüsselloch an.

»Ich bitte Dich um Gottes Barmherzigkeit Willen, Gaulitz, schlage mich nicht mehr,« flehte die Frau, »was habe ich Dir denn zu Leide gethan, daß Du Alles das, was Du mir früher geschworen, so ganz vergessen hast, und mich jetzt wie eine Verbrecherin behandelst – wohl bin ich schuldig und heute – heute seh' ich ein, was ich an ihr begangen, aber Du wahrlich solltest doch der letzte Mann auf der weiten Gotteswelt sein, der mich darum mißhandelte.«

»Hinaus mit Dir – hinaus und in die Gesindestube hinunter, wohin Du gehörst,« rief aber jetzt, durch diesen Vorwurf wohl um so mehr gereizt, da er so sicher gezielt war, daß er das schlummernde Gewissen des Mannes im innersten Herzen traf, der Oberpostdirector – »in die Gesindestube mit Dir und –«

»Hülfe!« schrie die Frau, und ehe Poller, der in diesem Augenblicke gerade versucht hatte, einen Blick in das Innere zu gewinnen, im Stande war, zurückzufahren, flog die Thür auf und traf den Horchenden mit solcher Gewalt an die Stirn, daß er rücklings zur Erde geschleudert wurde. Krautsch behielt eben noch so viel Zeit, sich in die Fensterbrüstung zu drücken. Poller aber fühlte sich, ehe er im Stande war, wieder in die Höhe zu springen und zu entfliehen, in der kräftigen Faust des Oberpostdirectors, der den Stock, den er eben in der Hand hielt, derb auf Kopf und Schultern niederfallen ließ und den armen Teufel so lange bearbeitete, als er nur noch einen Arm möglicher Weise rühren konnte.

»So – Canaille!« rief er endlich, als er erschöpft inne halten mußte, »da –« und er stieß ihn verächtlich mit dem Fuße von sich – »das hast Du für's Horchen und ich will Dich lehren, Deine Ohren wieder an Zimmerthüren zu legen, hinter denen ich spreche – thust Du's, dann sei versichert, daß ich Dich Jesum Christum noch besser erkennen lehre.«

Damit trat er zurück, warf die Thüre hinter sich mit aller Gewalt in's Schloß und ließ den Mißhandelten fast bewußtlos vor Schmerz und Wuth auf der Erde liegen.

Dieser raffte sich endlich mit leisem Stöhnen und einem bitteren, zwischen den Zähnen hervorgemurmelten Fluch auf und wandte sich, als ob er die hintere Treppe hinunter gehen wollte, Krautsch aber glitt in diesem Augenblicke aus der Fenstervertiefung vor, faßte den Freund am Arm und zog den nicht Widerstrebenden, ohne weiter ein Wort mit ihm zu wechseln, zur vordern Thür hinaus, die steinerne Treppe, dem Thore zu, hinunter, und vor das Gut, in den dicht daran stoßenden in dieser Abendzeit sonst von keinem Menschen betretenen Obstgarten hinaus.

»Nun, was hast Du? – was soll?« knurrte Poller endlich, mürrisch und erzürnt genug, als sein Freund hier, und an der höchstgelegensten Stelle, von wo aus sie nach allen Richtungen hin das Nahen eines Dritten leicht erblicken konnten, stehen blieb und lauschte, ob sie auch wirklich allein und von Niemandem behorcht seien – »was soll die Allfanzerei, Gott verdamm mich, ich fange an, es satt zu kriegen, vor dem ›gestrengen Herrn‹ da drinn Versteckens zu spielen. Hol' ihn der Teufel, ich will mich nicht weiß brennen, aber geniren würd' ich mich, die Sonne auf mich niederscheinen zu lassen, wenn ich ein so niederträchtiger und hundsföttischer Schurke wäre wie der Herr Oberpostdirector.«

»Willst Du Dich rächen,« flüsterte ihm Krautsch leise und vorsichtig in's Ohr. Poller fuhr rasch nach ihm herum, und schaute ihm fest und fragend in das schlau blinzende tückische Angesicht.

»Ob ich's will,« sagte er nach einigen Secunden, »aber wie? – weißt Du ein Mittel? – verrathen darf ich ihn nicht – ich stecke selbst zu verdammt tief mit in alle den Geschichten, sonst gäb' es Nichts leichteres auf der weiten Gotteswelt, als den Burschen Hals über Kopf in's Zuchthaus zu schicken.«