»Gerade jetzt?« frug Susanne erstaunt, aber sie wurden hier durch einen Lärm von der Straße unterbrochen, der sie alle drei rasch an das Fenster rief. Das Rufen und Schreien kam von der, nicht fernen Kirche her, wohin Bruder Dennis einen Theil seiner Gemeinde gezogen und in stürmischer Predigt ihren Patriotismus, ja vielleicht ihren Fanatismus für die heilige Sache der Religion und des Vaterlands erregt haben mochte.
»Gott wie die Menschen schreien« sagte Madame Belard ängstlich — »wenn sie nur Vernunft annehmen und nicht gegen eine Macht gerade zu einer Zeit antrotzen wollten, wo diese den Zügel und die Wehr fest in Händen hält; sie werden noch das größte Unglück über sich hereinrufen.«
»Und von der Fahne da drüben soll es abhängen, ob Krieg ob Frieden« sagte Susanne, nur das Interessante des Augenblicks in dem Bewußtsein fühlend, Zeuge der ganzen Verhandlung zu werden — »was für eine wunderhübsche Flagge das ist, und wie Jammerschade, daß sie soll niedergeholt werden. Seit wann führt denn Pomare die goldene Krone im Wappen, mit dem Cocoszweig?«
»Seit thörichte Priester ihre Eitelkeit anstachelten und ihrem Stolz schmeicheln wollten« sagte René finster.
»Denen stecken die Ehrenstellen und einträglichen Aemter im Kopf« rief Madame Belard, »die auf den Sandwichsinseln in dem jetzt ganz nach Europäischem Maßstab eingerichteten Hof Einzelne der Missionaire für sich gewonnen haben; große Titel und Gehalte mit allen möglichen Auszeichnungen. Wenn Pomare eine bloße Insulanerin blieb, eine Pomare wahine, konnte keiner von ihnen Minister werden und das Consulamt bringt neben dem Bischen Ehre, nur Aerger und Verdruß; Minister des Auswärtigen oder der inneren Angelegenheiten klingt besser.«
»Ach Unsinn« lachte Susanne — »es sind zu vernünftige Männer etwas derartig Närrisches zu erstreben. Minister Ihrer Tahitischen Majestät — hahahaha —«
»Klingt nicht weniger gut als Sr. Hawaiischen«[D] sagte René ernst, »und dort ist es geschehen. Leider Gottes haben Titel und Orden schon manchen ehrlichen Mann — zu Fall gebracht — nicht einen schlimmeren Ausdruck dafür zu gebrauchen, und der Klang irgend eines langen unbehülflichen Worts, das Blitzen eines farbigen Bandes oder Metallstücks im Knopfloch hat Grundsätze umgeworfen, die dem Schicksal bis dahin fest und gewaltig Trotz geboten. Schade daß sie dies schöne Land jetzt zum Schauplatz ihres unsinnigen Treibens gemacht — es können schwere Zeiten kommen für dies Volk.«
[D] Seit einigen Jahren ist z. B. am Hawaiischen Hof zu Honolulu auf Oahu »nach reiflicher Ueberlegung beschlossen worden, das beim Wiener Congreß befolgte Ceremoniell behufs des gegenseitigen Ranges fremder Consuln zum Grund zu legen.«
»Glauben Sie das nicht Delavigne« sagte Madame Belard kopfschüttelnd, »der Tahitier, so weit ich ihn kenne, ist sorglos und leichtsinnig, und selbst gleichgültig gegen das Höchste was wir im Leben anerkennen — er hätte seine Religion nicht sonst so leicht, und auf manchen Inseln wirklich aus reiner Gefälligkeit verändert. Der Französische leichte Sinn sagt ihm auch weit mehr zu, als der starre Presbyterianische Ernst. — Nur diesen einen Tag, den ersten Umsturz überstanden, und der Eingeborene wird sich leicht in das Geschehene fügen, ja vielleicht es sogar liebgewinnen, wenn er findet daß es ihm manche Erleichterungen manche Freiheiten bietet, die ihm der starre Methodismus nicht zugestehen wollte.«
René schüttelte den Kopf.