»Die Tahitische Fahne?« frug René erstaunt.

»Sie könnte mich glücklich machen« sagte Susanna, und hielt die leuchtenden Blicke fest auf das, in der Abendsonne hell blitzende Tuch geheftet, das jetzt das Leichentuch der Tahitischen Freiheit werden sollte.

René, von einem plötzlichen Gedanken durchzuckt, griff seinen Strohhut auf, der neben ihm auf einem Tische lag, und wollte das Zimmer verlassen.

»Wo wollen Sie hin?« rief Madame Belard bestürzt — »sind Sie rein vom Bösen besessen?«

»Ich bin gleich wieder bei Ihnen!« rief René und warf die Thüre hinter sich ins Schloß.

»Monsieur Delavigne« rief auch Susanna und blickte bestürzt ihm nach, aber er hörte schon nicht mehr die Worte, oder achtete ihrer nicht, und eilte flüchtigen Schrittes, seiner Schwäche förmlich trotzend, die Treppe hinab, schritt durch den Garten dessen benachbartes Grundstück eine offne Thür nach dem Strand zu hatte, und befand sich wenige Minuten später mitten in dem Gewirr von Eingebornen und Französischen Soldaten, und dem Flaggenstock gerade gegenüber, an den in diesem Augenblick ein Französischer Officier, Bertrand, hinantrat, die Königliche Flagge niederzuziehn. Dicht gedrängt um ihn standen die unter seinem Befehl stehenden Matrosen der Jeanne d'Arc theils, theils der Danae, und René drängte sich leise aber so entschlossen vor und zwischen sie hinein daß die Seeleute, die ihn bald für einen Landsmann erkannten, glaubten, er habe jedenfalls ein Recht, vielleicht sogar eine Pflicht dazu, zu erscheinen, und ihn ruhig gewähren ließen.

Ein Trommelwirbel erschütterte jetzt die Luft, und Bertrand zog während desselben und unter einem Todtenschweigen der versammelten Tausende, die Flagge an dem Flaggenfall nieder — kein Schrei des Zorns oder der Entrüstung von Seiten der Eingebornen, kein Hurrahruf der Sieger begleitete den Akt — es war wie eine Execution, und Bertrand mochte das fühlen, denn halb abgewendet schob er die gedemüthigte Flagge von sich und absichtlich einem der Leute zu, sie von dem Fall zu lösen, erstaunt aber drehte er sich gegen René um als er einen Fremden erblickte, der, ein kleines blitzendes Messer in der Hand, das Flaggenfall unten mit einem raschen Schnitt trennte und das Messer in die Tasche zurückschiebend, die Fahne ruhig und gleichmüthig zusammenrollte.

»René,« rief der Seemann erstaunt und mit halb unterdrückter Stimme aus, als er ihn erkannte — »Mensch, was thust Du hier?«

René winkte ihm mit den Augen, aber dicht neben sich hörte er die halblauten und nichts weniger als freundlichen Worte:

»Das ist der Bursche der unsern Lieutenant erschossen hat — was beim Teufel will der hier zwischen uns?«