Das Blut schoß ihm im Zorn in die Schläfe, aber er wußte auch daß er sich hier nur eingeschmuggelt und nicht an seinem Platz befinde, und ruhig die Flagge zusammenrollend schob er sie sich unter den Arm, und suchte jetzt den Rückweg anzutreten. An Bord der Französischen Schiffe hatte man auch in der That so fest geglaubt die Tahitier würden ihre Flagge selber streichen, daß gar keine Verfügung, sie selbst betreffend, erlassen war. Das Interesse des Augenblicks band sich auch überdies nicht an solche Nebensache, denn der, noch an demselben Abend zum zeitweiligen Gouverneur von Tahiti ernannte Mr. d'Aubigny brach jetzt in die allerdings merkwürdigen Worte aus:
»Officiere, Soldaten und Matrosen, und Ihr Bewohner dieser Inseln, denen wir Gerechtigkeit und Frieden bringen, — im Namen des Königs, unseres gnädigen Herrn, nehme ich Besitz von diesem Land — wir Alle werden mit Freuden in der Vertheidigung der glorreichen dreifarbigen Fahne sterben. Hißt die Flagge!«[E]
[E] Wörtlich.
Bertrand hatte indessen die Tricolore statt der Tahitischen an dem Flaggenfall befestigt, die ihm nächststehenden Seeleute sprangen hinzu sie aufzuhissen, und unter dem fröhlichen Wirbel der Trommeln und dem donnernden Vive le roi der Soldaten und Matrosen, drängte sich René wieder den Gärten zu und gewann das Freie; d'Aubigny aber mit seinem blanken Degen Ruhe winkend rief mit lauter klangvoller Stimme, wie er nur erst einmal hoffen durfte den Lärm zu durchdringen:
»Die Königin Pomare hat aufgehört zu regieren und wir stehen jetzt auf Französischem Grund und Boden!«
Unmöglich wär' es den Jubel zu beschreiben, der bei diesen Worten die Französischen Kehlen zu zersprengen drohte; es war ein förmlicher Aufschrei von Triumph und toller Freude und wunderbar stach dagegen die Ruhe und der Ernst der umstehenden Tahitier ab, die den Sinn des Satzes gar nicht verstanden hatten, und kopfschüttelnd dem Lärm horchten, den die tollen Wi-Wis hier mitten auf der Straße, dicht vor dem Hause ihrer Königin, vollführten. Das Verschwinden ihrer eigenen Fahne aber, und das Wehen der verhaßten Tricolore ließ die Absicht der Fremden doch ziemlich deutlich herauserkennen. Trotzdem erschien es ihnen immer noch als keine so entscheidende Handlung, wie es von den Europäern angesehen werden mußte, denn die Insulaner kannten die Bedeutsamkeit der Flaggen nicht zu dem Maße. Ob da oben ein weißes oder dreifarbiges Tuch flatterte, blieb sich am Ende gleich und nur das dumpfe Gerücht das sich anfing Bahn zu brechen — die Wi Wis hätten ihre Königin abgesetzt und wollten selber regieren, brachte etwas mehr Leben in die Schaar und trieb Einzelne dem Hause des Englischen Consuls zu.
Dort aber war indessen die Englische Flagge von Mr. Pritchards eigener Hand in dem Augenblick niedergeholt worden, als die Tricolore emporstieg, die Demonstration auch auf den Französischen Schiffen wohl bemerkt, aber nicht beachtet worden, und der frühere Missionair fand sich bald darauf von zahlreichen Trupps Eingeborenen umgeben, die eine Erklärung der stattgehabten Vorfälle haben wollten und hier zu ihrer, eben nicht angenehmen Ueberraschung erfuhren, daß die Franzosen wirklich Besitz von der Insel genommen hätten und diese von nun an behaupten wollten.
»Bah« lachten aber Andere wieder, »ein paar Tage haben sie hier das große Wort, und wenn sie fortsegeln werfen wir ihren bunten Lappen wieder herunter, wie schon früher einmal.«
Eifrig bestritt Pritchard diese Meinung und suchte die Eingebornen von der Gefahr zu überzeugen, in der in diesem Augenblick ihre Unabhängigkeit nicht allein, nein auch die Religion schwebe, die sie als die bessere erkannt und angenommen; theils Gleichgültigkeit gegen äußere Formen die ihnen unbedeutend schienen, theils ihre angeborne Gutmüthigkeit, die selbst nicht dem Feind gleich das Schlechteste zutraun wollte, ließ sie dem Allem nur mit halbem Ohre lauschen. Vergebens ereiferte sich der fromme Mann und bürdete ihnen die Folgen auf, die alle aus dieser fabelhaften Theilnahmlosigkeit ihrer heiligsten Verhältnisse entspringen könnten; sie schüttelten lachend mit dem Kopf und schlenderten dann wieder langsam zu der Königin Haus zurück, vor dem und unter ihrer eigenen jetzt dort wehenden Flagge die fremden Soldaten und Matrosen noch immer aufmarschirt standen, und selber erstaunt darüber schienen, daß die sonst doch gar nicht feigen Insulaner die größte Beleidigung die einem Lande bildlich geschehen kann, so ruhig und selbst heiter und vergnügt hinnahmen. In der That begriffen die Tahitier aber noch wirklich nicht, was mit dem eben Gesehenen gemeint sei, denn das bloße Flaggenwechseln hatten sie ja ebenfalls vor einiger Zeit auch zu ihrem Vergnügen gethan, ohne irgend etwas Böses dabei zu denken; die Franzosen hatten es ihnen nachgemacht und bis sie wieder fort waren mochte die dreifarbige Fahne da oben auf dem Stocke ruhig ausflattern.
René indessen, dem der wirklich unerwartet glückliche Erfolg seiner kecken That, ganz wieder den alten fröhlichen Muth, vielleicht auch Leichtsinn, zurückgegeben, sah schon von weitem wie sich Susanna, ängstlich nach ihm ausschauend, aus dem Fenster bog, und wie er mit der Hand hinüber winkte und den Hut schwenkte zum Zeichen fröhlichen Gelingens, wehte ihr weißes Tuch grüßend ihm entgegen. Er sah weder nach rechts noch links, das eine Ziel im Auge, und vor Eifer fast zitternd mit seiner Beute, die ihm aber Niemand auch nur dachte streitig zu machen, den sicheren Garten wieder zu erreichen, und doch schritt er kaum auf fünf Fuß Entfernung an seinem eigenen Weib, die das schlafende Kind auf dem Arm trug, und zufällig und mit blutendem Herzen ein unfreiwilliger Zeuge des ganzen Vorfalls gewesen, vorüber, und ließ Sadie in sprachlosem Staunen starr und kaum ihren Sinnen trauend, zurück. Dem Gatten war sie gefolgt, theils für seine Sicherheit fürchtend nach einer That die sie für ein Verbrechen hielt, theils auch weil sie sich Vorwürfe machte, ihn wohl zu schroff und hart von sich gestoßen und ihn der Verzweiflung preisgegeben zu haben in der ihr liebendes treues Herz sich schon wilde entsetzliche Bilder heraufbeschwor, und jetzt? — strahlend von Glück und Seligkeit, mit leuchtenden Augen und glühenden Wangen floh er an ihr, ohne sie zu sehen, vorüber und dort am Fenster — ein stechender jäher Schmerz zuckte ihr durch Herz und Nerven als sie die wunderschöne Europäerin erkannte, mit der René schon an jenem furchtbaren Abend so viel gesprochen und getanzt, und deren kaltem fast verächtlichem Blick sie dann mehr als einmal mit einem unbeschreiblichen Gefühl von ahnungsvoller Angst begegnet war.