Noch stand sie still und regungslos auf derselben Stelle auf der ihr René wie eine Erscheinung entschwunden war, und sie wußte im ersten Augenblick nicht einmal ob sie ihm folgen, seinen Namen rufen oder zurückgehn solle, still und allein in ihre Heimath die Rückkunft des jetzt ihrer Sorge wahrlich nicht mehr bedürfenden Gatten geduldig zu erwarten, als eine leichte Hand nur leise ihre Schulter berührte, und eine weiche bekannte Stimme ihren Namen flüsterte:
»Sadie!«
»Aumama!« rief Sadie, sich rasch nach ihr umdrehend, und hatte in diesem Augenblick fast den Gatten vergessen in dem Schreck über das wildverstörte, fahle und doch so trotzige Aussehn der Freundin, deren räthselhaftes Verschwinden ihr schon Sorge und Kummer genug gemacht. »Aumama, wo um Gottes Willen kommst Du her? — wo warst Du die ganze Zeit und wie siehst Du aus?«
»Wie ich aussehe, Herz? hahaha,« lachte das schöne Mädchen in unheimlicher Lustigkeit, »der Thau in den Bergen gräbt Spuren in die Haut und — aber das ist es nicht was ich Dir sagen wollte; ich zeige Dir etwas, komm; glaubst Du an Geister?« —
»An Geister? — wie verstehst Du das? — was soll's?« frug Sadie erschreckt — »was hast Du Aumama, Du machst mich fürchten.« —
»Fürchten? — bah, thörichtes Kind — wovor? vor dem eigenen Mann? — der thut Nichts — sieh nur wie freundlich und lieb er da drüben mit dem ganz fremden Mädchen ist, würde er dem eigenen Weibe da etwas zu Leide thun? — hahaha Schatz, ich glaube wir Beide können uns bald lustige Geschichten erzählen« — und die Widerstandlose über den breiten Weg mit sich hinüberziehend, wo ein Haufen aufgeschichteter und zu Canoes bestimmter Blöcke lag, auf die sie leicht wie die wilde Geis ihrer Berge hinaufsprang, deutete sie mit dem ausgestreckten Arm und jetzt Zornfunkelnden Augen nach den offenen Fenstern des Belardschen Hauses hinüber, die René gerade in diesem Augenblick mit seiner eroberten Flagge betrat und wo er mit Jubel von den Frauen begrüßt wurde.
»Pomarens Flagge, die sie in den Staub gezogen, bringt er dem Feind — bringt er seiner neuen Liebe« flüsterte Aumama mit leiser, vor innerer Bewegung zitternder Stimme — »sieh nur, sieh wie sie sich zu ihm überbeugt — hahaha — ich glaube das war ein Kuß — nein« lachte sie dann höhnisch, »sie werden die Nasen aneinander gerieben haben nach Inselart. Aber komm — komm Sadie ich habe Dir viel viel zu erzählen, und wenn das Pärchen da drin wieder zur Besinnung kömmt, könnten sie uns hier draußen bemerken — den Triumph sollen sie nicht haben — komm.«
Sadie ließ sich willenlos fortführen von der Frau, und nur ihr Kind fester an sich drückend folgte sie der Führerin, gleichgültig welchen Weg sie einschlage, durch einen schmalen Gartenpfad erst dem wilden Gedräng des Strandes außer Bereich, und dann, auf weniger begangenen, jetzt fast menschenleeren Wegen die Broomroad wieder hinauf, ihrer eigenen Heimath zu. Sie sah die hundertmal begangene Strecke, aber sie erkannte sie nicht wieder, und blickte erstaunt endlich umher, als sie vor ihrer eigenen Thüre stand, denn das Bild des Gatten mit dem schönen fremden Weib zuckte ihr vor ihren Blicken herüber und hinüber und wie eine entsetzliche Erklärung dazu lautete Aumamas Bericht von dem eigenen Schmerz, der eigenen Schmach.
Bei dem letzten unglückseligen Europäischen Tanz hatte Lefévre zum ersten Mal ihre eigene Schwester gesehen und sich toll und blind in sie verliebt. Nahuihua — der blitzende Stern im Norden — liebte aber seine Schwester zu sehr, ihr den Gatten abtrünnig zu machen und floh, und Lefévre verließ Weib und Kind und folgte ihrer Spur über die ganze Insel. Nur mit Gewalt konnten sich die Häuptlinge von Taiarabu, wo er sie endlich wieder aufgefunden, seiner tollen Leidenschaft entgegenstellen, und zornig abgewiesen war er erst heute nach Papetee, aber nicht in seine Heimath zurückgekehrt, selbst nach seinen Kindern zu fragen.
— Und René? —