»Aber Susanna, in Virginien rühmen sich die ältesten Geschlechter von der Königstochter Pokahontas abzustammen« sagte Madame Belard.
Susanna zuckte die Achseln.
»Ja, sie zum Ahn zu haben lassen sie gelten« sagte sie, »aber frag einmal eine der dortigen Familien, ob sie jetzt einem ihrer Söhne gestatten würden die Ehre ihrer Geschlechter durch Indianisches Blut zu beflecken. Das Vorurtheil, wenn es überhaupt ein Vorurtheil genannt werden kann, wo es sich um etwas unseren Naturen total widerstrebendes handelt, besteht nun einmal und wir Einzelne können es nicht ändern — Uebrigens sind die hier geschlossenen Ehen« fügte sie mit weit leiserer Stimme etwas zögernd hinzu, »wie man überall hört, ja keineswegs so bindend, und sollen sogar schon in ihrer Formel eine Art Vorbehalt auf ziemlich willkürliche Scheidung wieder enthalten.«
»Die meisten, ja, leider Gottes« sagte Madame Belard — »die leichtsinnigen Mädchen der Inseln würden selbst die Formel nicht verlangen, hielten die Missionaire nicht darauf, bei etwas, das sie doch nun einmal nicht verhindern können, wenigstens so viel als möglich den Anstand zu wahren. Bei den meisten ist auch wirklich nichts weiter geschehn; manche aber vollziehen wirkliche Ehen, so vollständig in ihrer Ceremonie als bei uns und — ich sollte denken — auch ebenso bindend. Wahrscheinlich ist dasselbe auch mit Sadie und Delavigne der Fall; Sadie ist die Pflegetochter eines Geistlichen, und von ihm erzogen und getraut; der würdige Mann wird nicht daran gedacht haben eine andere als vollgültige Ehe zwischen den Beiden zu schließen. Ueberdies bliebe sich das auch gleich, das todte Wort was dabei gesprochen wird kann nur gesetzlich binden, und zwar an Stellen wo das Gesetz die Kraft und Ausdehnung hat, hier wo jedes Canoe den Mann aus dem Bereich desselben bringen kann, ist das eigene Wort, das eigene Herz das einzige worauf man wirklich trauen kann, und ich will zu Sadies Bestem hoffen, daß Delavigne dem fest und treu zu eigen bleibt.«
»Und glaubst Du wirklich daß er sein Leben solcher Art hier beschließen wird?« frug Susanna — »Marie denke Dir er ist vielleicht fünf oder sechs und zwanzig Jahr alt, und soll jetzt aufhören zu leben — ist das wahrscheinlich?«
»Aufhören zu leben — mit der Frau die er liebt an seiner Seite, mit seinem Kind?« frug Madame Belard dagegen, »er kann das nicht gut »aufhören zu leben« nennen, was, wie er mich oft versichert, das höchste und schönste Ziel seines Lebens gewesen; — es wäre zu traurig für die arme Sadie; und doch fürchte ich fast das wilde ungestüme Wesen des Mannes wird sich nicht in die engen festen Banden eines solchen Lebens, auf die Länge der Zeit wenigstens, einschnüren lassen. Ihr Beiden hättet besser zusammen gepaßt.«
Susanna lachte, aber sie wandte rasch den Kopf und begann wieder, und zwar mit raschen kräftigen Griffen die Marseillaise zu spielen, während Mad. Belard an das Fenster trat und hinausschaute.
Die Thür öffnete sich leise und René erschien auf der Schwelle — keine der Frauen hatte ihn in den rauschenden Tönen des kriegerischen Liedes kommen hören, und mehre Minuten lang stand er schweigend die Blicke fast wehmüthig auf die holde Jungfrau am Instrument geheftet die, den Lauscher nicht ahnend das Lied schloß und wieder über zu den weicheren seelenvollen Melodieen kleiner, spanischer, Lieder ging, wie sie dieselben daheim an den Ufern des Mississippi oft und oft gehört. Eine Weile spielte sie so fort und dann endlich, wie den Gedanken des Liedes folgend das sie begonnen, fiel sie mit ihrer weichen klangvollen Stimme leise ein.
Die Halme wehn gedankenschwer
Auf jener Wiese drüben,
Sie sagen wohl einander nur
Daß sie sich innig lieben;
Ich aber liege einsam hier
Und schaue in die Höhe —
Ach daß mich Niemand lieben will
Ist ja mein einzig Wehe.