»Aber warum haben Sie Ihre Frau nicht mit herübergebracht, soll ich sie nicht wiedersehn?«
»Sie werden sie entschuldigen müssen« sagte René das Papier mit einer dankenden Verbeugung an sich nehmend, das ihm die junge Frau reichte — »Sadie hat jetzt so viel mit Packen zu thun und — es ist besser so vielleicht — ich selber wollte brieflich von Ihnen Abschied nehmen« setzte er dann nach einer kurzen Pause hinzu, »aber meine Geschäfte zwangen mich die Stadt noch einmal aufzusuchen und — da konnte ich es doch nicht übers Herz bringen, so ganz vorbei zu gehn.«
»Wir hätten Ihnen das im Leben nicht verziehen« rief Madame Belard schnell — »aber kommen Sie, bleiben Sie nicht mit der Klinke in der Hand da stehn und setzen Sie sich zu uns — es ist ja das letzte Mal vielleicht für eine lange Zeit. Nehmen Sie den Stuhl da, neben Susannen. Sie haben auch recht eigentlich, daß Sie den politischen Wirren aus dem Wege gehn; besonders in ihren Verhältnissen hätten Sie es doch am Ende manchmal nicht vermeiden können, mit einer oder der anderen Parthei in Collision zu kommen, und hat sich erst Alles wieder regulirt, sind Sie ja noch immer Ihr freier Herr.«
»Die politischen Verhältnisse kümmern mich wenig« sagte René — »ich kann den Gewaltstreich meiner Landsleute, den sie jetzt durch spitzfindige Rechtsclauseln zu beschönigen suchen, einem schwachen harmlosen Volke gegenüber nicht billigen, und habe mich schon auf der anderen Seite auch zu sehr über das Treiben und Wesen der fanatischen Missionaire geärgert, diesen wieder das Wort zu reden; ich würde mich also weder der einen noch der anderen Parthei angeschlossen haben. Wahr ist übrigens daß man bei solcher Gelegenheit nicht immer seine Neutralität, selbst bei den besten Vorsätzen, vollständig behaupten kann, und in sofern wäre es allerdings gut selbst der Möglichkeit einer Collision entrückt zu sein. Den Eingeborenen ist übrigens jede Hoffnung genommen, sich gegen die Uebermacht vertheidigen zu können, denn eben ist noch ein neuer Französischer Kriegs-Dampfer, wenn ich nicht irre der Salamander, signalisirt worden.«
»Der Salamander lag nach den letzten Nachrichten in Havre,« rief Madame Belard rasch, »dann kommt er auch direkt von Frankreich und bringt uns Briefe aus der Heimath.«
»Aus der Heimath« sagte René leise — »es ist doch ein wunderbares Wort — ich hätte nie geglaubt daß solch ein Zauber darin liegen könnte — aber — ich habe Sie wieder in Ihrem Spiel gestört, Miß Lewis — Sie werden wahrlich erst ungestört spielen können, wenn ich fort bin.«
»Wir haben mitsammen geplaudert, und nur in Gedanken setzte ich mich an's Clavier,« sagte Susanna, in einem Buche blätternd das neben ihr lag, den Kopf von René abgewandt.
»Und was hört man draußen im Land über unsere Zustände hier?« frug Madame Belard — »Sie wohnen doch außer der Stadt, glauben Sie daß sich die Eingeborenen ohne Weiteres den Französischen Befehlen fügen werden?«
»Gott weiß was sie thun« sagte René — »soviel ist gewiß, daß die Regierung jetzt mehr den Einfluß der Missionaire, besonders des Englischen Consuls, als irgend etwas anderes zu fürchten scheint, und nur wohl auf einen wirklichen Grund wartet, ernstlich gegen ihn einzuschreiten.«
»Dieser Mr. Pritchard hat etwas recht anständiges nobles in seinem ganzen Wesen« sagte die junge Frau — »ich hätte ihn gar nicht für einen Missionair gehalten.«