»Er ist es auch wohl nur noch in dem Einfluß, den er auf die Eingeborenen ausübt — ich bin übrigens kein Freund dieser Herren, und froh besonders meine Frau aus ihrem Bereich entfernen zu können. Diese tollen Schwärmereien immer mit anzuhören ist zum Verzweifeln, und wenn irgend etwas auf der Welt, das wahrhaftig könnte mich rasend genug machen, lieber wieder an Bord eines Wallfischfängers zu springen, ehe ich einem schleichenden, tödtenden Bekehrungsversuch entgegenginge.«

Susanna lächelte und sagte mit leisem Kopfschütteln:

»Der Rückfall ist bei Ihnen nicht zu fürchten — seit Sie den Frack wieder getragen, und die Glacéhandschuh haben Sie sich den Geschmack an dem romantischen Leben der Wallfischfahrt jedenfalls verdorben.«

»Sie können mir den Frack noch immer nicht vergessen,« lachte René, rasch und willig in den lebendigeren Ton des Mädchens eingehend.

»Es war das erste was mir, mit dem Bewußtsein Ihrer Geschichte, an Ihnen in die Augen sprang« sagte schelmisch das Mädchen, »und ich malte mir Ihr Doppelbild da gar lebendig aus. Der Eindruck hat sich bei mir auch nicht wieder verwischen lassen.«

»Das also war der erste Eindruck den meine Erscheinung auf Sie hervorgebracht,« lachte René, »Frack und Glacéhandschuh — wieder ein Beweis für eine Beobachtung die ich von je gemacht, daß Frauen selten im Stande sind ein richtiges unbefangenes Urtheil über eine, ihnen zum ersten Mal aufstoßende Physionomie oder Persönlichkeit zu fällen.«

»Ei Sie grober Mensch« rief Madame Belard rasch, »wie können Sie etwas derartiges in Gegenwart von zwei Damen behaupten, noch dazu da Sie auf alle Beide vielleicht einen günstigen Eindruck gemacht haben. Der erste Eindruck ist gerade bei mir der wichtigste und entscheidendste, denn das Auge ist dabei kein Diener des Verstandes sondern des Herzens. Viele Leute wollen behaupten daß der Kopf, der kalte Verstand für das Herz denken und handeln müsse, und dabei alle Hände voll zu thun habe, aber hierbei findet gerade das Gegentheil statt. Wie oft z. B. geschieht es, daß wir fremde Menschen mit dem ersten Blick schon lieb gewinnen und uns von anderen eben so abgestoßen fühlen. Die Einen haben uns noch Nichts zu Lieb, die Anderen noch Nichts zu Leid gethan, aber das Herz streckt seine Fühlfäden aus, und was der nüchterne Verstand in Monaten vielleicht nicht herausbekommen, und sich dann am Ende doch noch getäuscht hätte, das sagt uns das Herz mit einem Schlag, und wie selten ist es daß es sich irrt.«

»Sie hätten recht,« erwiederte René, »wenn Ihr erster Blick eben ein unpartheiischer wäre, der gleich die Züge des fremden, zum ersten Mal begegneten Menschen trifft, aber der erste Blick gehört bei Ihnen stets den Kleidern des oder der Fremden, der zweite hat dann schon aufgehört unbefangen zu sein — eine falsch gewählte Farbe, eine veraltete Mode sprach das Urtheil vorher.«

»Und ich will Ihnen beweisen daß sie unrecht haben« rief Susanna wärmer werdend — »schon nach dem ersten Blick auf einen Menschen sag' ich Ihnen was er für Augen, was für Zähne hat.«

»Augen und Zähne« erwiederte René achselzuckend — »das Gesicht also abermals wieder nur als Kleidungsstück betrachtet.«