René hatte Belards Haus in einer Stimmung verlassen, die ihn gleichgültig gegen die Bahn machte die er einschlug, und eine halbe Stunde wohl schritt er mit fest verschränkten Armen in der dunklen und jetzt fast menschenleeren Broomroad, die mitten durch die Stadt führte, auf und ab. Die kühle Nachtluft, die mit dem frisch einsetzenden Westwind herüberwehte, scheuchte das Fieber endlich von seiner Stirn und machte ihn freier, ruhiger athmen. Er fühlte sich von einer Last befreit die ihn bis dahin gequält und zu erdrücken gedroht hatte, und mit dem Bewußtsein Alles gethan zu haben was in seinen Kräften stand, kehrte auch Ruhe und Frieden in sein Herz zurück.
Das höher und höher steigende Wetter machte ihn endlich darauf aufmerksam, daß er die eigene Heimath suchen müsse, wenn er nicht von dem Sturm, den meist ein tüchtiger Regen begleitete, überrascht werden wollte. Auch Sadie hatte noch so Manches heut' Abend zu thun, und sorgte und ängstigte sich gewiß, wenn er länger ausblieb.
Rasch, mit dem Gedanken, wandte er sich und trat den Heimweg an; es war dicht vor dem Abendschuß, und als er die Brücke erreichte, die schon eine ziemliche Strecke außerhalb der Stadt, unterhalb Papetee über einen breiten jetzt aber seichten Bergstrom führte, hörte er wie eine Gruppe von Eingeborenen im eifrigen Gespräch dort zusammenstand und jedenfalls etwas höchst Wichtiges oder doch wenigstens Interessantes mitsammen verhandelte, denn sie stritten laut und heftig aufeinander ein, und René konnte schon von Weitem hören daß ihre Debatte dem Betragen einzelner ihrer Häuptlinge, vorzüglich Paofai und Hitoti gelte, die wie es schien eine, den Insulanischen Interessen ganz entgegengesetzte Richtung eingeschlagen, und sich der Französischen Parthei zugewandt hatten. Das Für und Wider wurde hier besonders debattirt und ganz vorzüglich ob es die Männer aus Eigennutz oder, wie Andre behaupteten, dem Einfluß der Mitonare's entgegenzuarbeiten, gethan haben möchten. Alle waren aber einig darüber daß es eine Schande für Tahiti sei und die frommen Mitonare's sehr kränken würde, die sich mit solcher Aufopferung um ihr Seelenheil bemüht. Dann kamen Zornesreden auf die Wi-Wis — Andeutungen über sie herzufallen, wenn der heutige Streich gelänge, und noch manche andere dunkle Worte die René, als er am Beginn der Brücke stehn geblieben war den Stimmen zu lauschen, nicht genau verstand — in der That auch nicht verstehen wollte. Ihm lag jetzt mehr als je daran, den für ihn so fatalen Wirren in deren Mitte er gerade stand, zu entgehn, und die Brücke betretend, schritt er rasch darüber hin sein Haus zu erreichen.
Wie sein Fuß aber auf das Holz der Brücke trat, denn auf dem weichen Grasboden vorher hatte man seine Schritte nicht so leicht hören können, war die Unterhandlung drüben zwischen den Eingeborenen wie mit einem Schlage abgeschnitten; kein Laut ließ sich mehr vernehmen, und so überraschend schnell kam das Schweigen, daß René wirklich einen Augenblick zaudernd stehen blieb und hinüber horchte.
»An meinem besohlten Schritt auf den Planken haben sie gehört daß ich ein Europäer bin« dachte er aber auch zu gleicher Zeit — »sie werden fürchten, behorcht zu sein und sich in das Dickicht gedrückt haben. Meinetwegen, ich wäre der Letzte der sie verrathen möchte,« und ohne selbst weiter an die Leute zu denken, noch sich nach ihnen umzuschauen, schritt er rasch über die ziemlich roh aufgeführte und sehr schmale, mehr stegartige Brücke hinüber, und erreichte eben die andere Seite der Uferbank, als er etwas neben sich regen sah, und sich auch in demselben Augenblick von vier kräftigen Männern gefaßt und umspannt fühlte.
Widerstand war, wie er gleich fühlte, unmöglich, denn er vermochte keinen Arm zu rühren, sein erster Gedanke aber auch, daß hier ein Versehen statt gefunden habe und er für einen anderen der Französischen Officiere vielleicht gehalten wäre. An dem verwundeten Arm aber, an dem sie ihn so unsanft gepackt, thaten sie ihm weh und er sagte deshalb, vollkommen ruhig, und zu dem gewandt der ihn dort hielt, auf Tahitisch:
»Hab Acht Freund, Du drückst mich an der Schulter und ich habe dort eine noch nicht ganz vernarbte Wunde — laß mich los, wir können ruhig mit einander reden.«
»Aber nicht ganz los« sagte der Eine, die Stimme war René jedoch fremd.
»Und warum nicht?« frug er dagegen, während der, der ihn an der verwundeten Schulter gehalten, diese frei gab und seinen Arm nur noch unten leise hielt — »was habt Ihr gegen mich? — es ist doch wohl nur ein Versehen, daß Ihr mich gerade angefallen habt.«