»Deshalb gerade« lachte der erste Sprecher — »komm Freund, Du mußt — weißt Du, dann kann man nicht anders.«
»Da hast Du recht, Kamerad« erwiederte René, jetzt auch lächelnd über den praktischen Humor des Eingeborenen. Er sah auch wohl daß ihn keine Gefahr bedrohe, denn hätte man ihm etwas zu Leide thun wollen, wäre hier ein eben so guter Platz dazu gewesen, als irgendwo anders — aber was wollte man von ihm? — »Gut« sagte er nach kurzem Ueberlegen — »ich will Euch folgen, aber dann müßt Ihr mir auch versprechen, daß Ihr mich ungehindert wieder gehen laßt; ich habe mein Weib allein zu Hause und muß zu ihr.«
»Maitai, maitai« riefen die Eingeborenen rasch und freudig, da sie sahen daß der Gefangene ihnen die Sache so leicht und bequem machte — »soll Dir Nichts geschehn, Freund — blos warten ein Bischen blos warten« — und ihn führend, ohne aber für jetzt seine Arme noch frei zu geben, gingen sie mit ihm über die Straße hinüber und am Bach hinauf, wo etwa, zweihundert Schritt von der Brücke entfernt, ein kleines Dorf tief versteckt zwischen Fruchtbäumen und Palmen lag.
René folgte vollkommen geduldig, aus dem einzigen Grund aber nur, weil er eins seiner Terzerole, gut geladen, in der Brusttasche trug, und sich das Spiel nicht selber durch unzeitige Widersetzlichkeit verderben wollte. So, anscheinend als gute Freunde, konnte er seine Zeit abwarten, und bekam er erst einmal den rechten Arm nur auf wenige Secunden frei, daß er zu seiner Waffe gelangen konnte, dann ließ sich eher mit den Leuten sprechen. Eine Absicht hatten sie jedenfalls ihn hier aufzuhalten, und eine ihm günstige konnte es auch nicht sein, also je eher er sich wieder frei machte, desto besser.
Rasch vorwärts schreitend hatten sie jetzt das erste Haus erreicht, und die Thür öffnend, trat der Erste der Eingeborenen zurück, ließ René's Arm los und bat ihn hinein zu gehn — er habe Nichts für sich zu fürchten.
»Ich fürchte auch Nichts, Kamerad« sagte der junge Mann, seinen rechten Arm ausstreckend, den Sehnen wieder freies Spiel zu geben und die Hand dann, wie nachlässig in den vorn halb zugeknöpften Rock schiebend, »aber ich möchte Dich auch bitten mich jetzt wieder frei zu lassen, und da etwas aus dem Weg zu gehn, sonst —« und er riß das Terzerol, das er in demselben Augenblick spannte, aus der Tasche und hielt es dem Eingeborenen entgegen — »möcht' ich genöthigt sein, Gewalt mit Gewalt zu vertreiben.«
»Ah?« sagte der Insulaner ruhig, während sich die Andern etwas scheu hinter ihn zurückzogen, er selber aber, ohne eine Miene zu verziehen, in der Thür stehen blieb und auf das Terzerol sah — »hast Du so was auch in der Tasche? — hätten eigentlich nachsehen sollen, denken aber immer nicht an die kleinen Dinger; aber schadet Nichts — schießt Du mich, sind drei andere da, schneiden Dir Hals ab und werfen Dich in's Wasser.«
»Du nimmst's kaltblütig« lachte René mit einem Blick den inneren Raum der Hütte überfliegend. Am andern Ende derselben saßen fünf oder sechs Frauen und Mädchen um eine hellflackernde Cocosölflamme, dort aber konnte er keine Thür weiter erkennen, nur eine einzige starke Bambuswand umzog das Haus, und er sah recht gut ein daß hier nur ein rasches entschiedenes Auftreten ihn retten oder sein Schicksal entscheiden konnte.
»Du hast recht Kamerad — es könnte mir nicht viel helfen, wenn ich Dir eine Kugel durch den Kopf jagte — drei Andere wären noch da mich aufzuhalten — aber Dir eben auch nicht. Ihr habt mich in aller Stille hier aufgehoben und hierhergebracht, jedes auffällige Geräusch zu vermeiden; ich aber verlange jetzt augenblicklich von Euch daß Ihr mir sagt was Ihr von mir wollt oder — ich gebrauche doch hier diese Waffe, die mit donnerndem Mund durch die Nacht spricht und jedenfalls Hülfe herbeiholt von meinen Landsleuten. Also was soll ich hier? und weshalb habt Ihr mich hierher gebracht?«
Die Insulaner, die keck vielleicht der Gefahr der Waffe getrotzt, hatten in der That nicht an den Spektakel gedacht, den das kleine Ding machen würde, und den sie noch dazu mit von weit größerem Geschütz herrührend verwechselten; jedenfalls mußte ihnen diese Drohung wichtiger als die erste dünken, denn sie unterhielten sich rasch und eifrig miteinander, ohne dabei jedoch ihren Gefangenen aus den Augen zu lassen.