»Du willst nicht bei uns bleiben?« frug der Eine ihn jetzt.

»Gutwillig nicht — Ihr sagt mir denn sonst weshalb.«

Wieder steckten sie die Köpfe zusammen und die leise und flüsternd geführte Berathung war eigentlich von größerer Wichtigkeit für René, als er ihr vielleicht zutrauen mochte, denn es handelte sich dabei in der That um nichts Geringeres, als sein Leben. Die angeborene Gutmüthigkeit der Stämme aber — vielleicht auch die Vorsicht die sie bis jetzt auffällig mit den Franzosen beobachtet hatten und die sie scheu einen direkten Beginn der Feindseligkeiten vermeiden ließ, weil sie wohl fühlten wie sie auf einem Punkt standen, wo der erste Schlag, der erste vergossene Blutstropfen das Signal zu einem Kampf werden mußte auf Leben und Tod, schien hier zu René's Gunsten zu sprechen.

»Wir wollen Dir kein Leides thun« sagte der eine Insulaner, der Einzige der im Licht stand, dessen Züge ihm aber gar nicht bekannt waren, und der von einem anderen Theil der Insel hergekommen sein mußte — »unser Zweck war nur Dich eine kurze Zeit bei uns zu behalten, wenn Du das nicht willst magst Du gehn. Vorher mußt Du aber zuerst mit uns zu Nacht essen — Du sollst nicht sagen können daß wir Dich in eine unserer Wohnungen geführt, und Dich hungrig wieder hinausgelassen haben.«

René lachte laut auf über die unverhoffte und wunderliche Einladung, und doch lag aber auch wieder so viel Gutmüthiges darin daß er es, vielleicht auch besorgt dabei keine Furcht sehen zu lassen, ihnen nicht abschlagen mochte und konnte; das Terzerol aber noch immer gespannt in der Hand forderte er dann von seinem freundlichen Wirth das Versprechen, ihn augenblicklich nach eingenommenem Abendbrod ungehindert ziehn zu lassen.

»Ich verspreche Dir das« sagte der Eingeborene, »und zum Beweis daß ich Dir traue, wie Du mir trauen kannst, ist hier die Thür offen — wir halten Dich nicht mehr — aber« setzte er dann etwas leiser und mit einem eigenen Ausdruck in der Stimme hinzu — »wenn Du Freund von Kanaka bist, wirst Du's beweisen können heut'.«

»Gut denn« lachte René, sein Terzerol sorglos in Ruh setzend und in die Tasche zurückschiebend — »so kommt, meine Burschen, und Ihr sollt sehn daß ich Eurem Fisch und Poe oder was Ihr sonst haben mögt, Ehre mache.«

Die Frauen, die sich beim ersten Eintreten der Männer und den feindlichen da gewechselten Worten und Drohungen scheu zurückgezogen hatten in den entferntesten Theil der Hütte, hörten jetzt kaum die friedliche Wendung die Alles zu nehmen schien, als sie, freilich immer noch schüchtern, hervorkamen, und nur erst Leben gewannen, als ihnen die Männer zuriefen »den Tisch zu decken.« Schon bereit gehaltene Blätter wurden augenblicklich auf die Erde ausgebreitet, wo schon Matten lagen für die Neugekommenen und von zwei hellen Cocosölflammen beleuchtet saßen die, die sich noch vor wenigen Minuten auf Leben und Tod entgegengestanden und deren Leben an dem Gedanken des Einen oder Andern gehangen, sich friedlich plaudernd gegenüber, nur emsig eben bemüht die aufgetragenen Speisen zu beseitigen.

Und René war der Fröhlichste unter ihnen; so wild und weh ihm noch kurz vorher ums Herz gewesen, so vollkommen hatte das eben bestandene kleine Abenteuer, wie das unvorbereitete romantische seiner ganzen Lage und Umgebung, jeden trüben Gedanken abgestreift von seinem Geist; das leichte fröhliche Blut, das seinem ganzen Körper jene unendliche und nicht zu ertödtende Spannkraft verlieh, hatte wieder gesiegt und nur dem Augenblick gab er sich hin in sorglosem Muth, der dem Morgen, was er auch bringen mochte, keck und unbekümmert ins Auge sah.

Nichtsdestoweniger zögerte er nicht länger, als er nothwendig brauchte sein Abendbrod zu verzehren; an einem der noch aufgehäuften reinen Hibiscusblätter trocknete er sich Mund und Finger, und erklärte jetzt, aufstehend, den Heimweg antreten zu wollen. Fast wider sein Erwarten, denn er war nicht immer gewohnt bei den civilisirten Indianern Treu und Glauben zu finden, hinderte ihn Niemand daran, sein Wirth selber öffnete ihm freundlich und lächelnd die Thür, und nach herzlichem Abschied, als ob er hier alte Freunde gesucht und gefunden, und nicht als Gefangener vor kaum einer halben Stunde diese Schwelle betreten hätte, verließ er das Bambushaus — kopfschüttelnd dabei, was das räthselhafte Betragen der Eingebornen, ihm gegenüber, zu bedeuten gehabt.