Rasch und schweigend, René voran, waren sie den Pfad entlang geschritten, der hier zu schmal zwischen dem dicht aufwuchernden Unkraut hinlief, zweien neben einander Raum zu geben, und René hatte eben die Einfriedigung erreicht die ihn von seinem Garten trennte, und die Hand darauf gelegt hinüber zu steigen, als er sich etwas darin regen sah, und gleich darauf eine Gestalt zu erkennen glaubte, die mit irgend einer schweren Last, rasch aber geräuschlos vom Strande aufwärts, dicht unter den Fenstern seines eigenen Hauses hin, der Straße zuschritt. Nun lag allerdings der kleine Cutter unten vor Anker, in dem er sich morgen einzuschiffen gedachte, aber er hatte noch Nichts von seinen Sachen eingeladen, also auch dort keine Diebe zu fürchten; überdies schlief einer der Eingebornen als Wächter darin. Was aber wollten die Leute da? — was trugen sie?

»Was ist da?« flüsterte jetzt der Soldat hinter ihm, der noch Nichts sehen konnte, aber ein Geräusch zu hören glaubte, »irgend etwas Verdächtiges?«

»Verdächtiges? — ja« flüsterte René zurück — »ich kann nur noch nicht recht daraus klug werden — bst —« sagte er plötzlich, den Arm des Soldaten fassend, »da kommt noch Einer.« Dieser glitt etwas weiter nach vorn, und deutlich konnten sie erkennen, daß hier im Dunkel der Nacht irgend etwas ausgeführt wurde, das das Licht zu scheuen hatte. Bei ihm im Hause brannte die Lampe, aber sein Weib schien keine Ahnung von dem zu haben was unter ihrem Fenster vorging, und wenn auch René nicht glaubte daß gerade irgend etwas Feindliches gegen ihn selber beabsichtigt wäre, sah das Ganze doch viel zu unheimlich aus, ihm hier draußen Ruhe zu lassen. Dem Soldaten also zuflüsternd daß er hinüberspringen wolle sein Gewehr zu holen, um nachher bewaffnet zu untersuchen was hier vorgehe, benutzte er den Augenblick, wo der letzte Träger hinter dem Haus verschwunden war, stieg leise über die Fenz, und glitt rasch und geräuschlos seiner Hausthür zu, während der Soldat noch eine Minute etwa auf der Lauer blieb und sich erst dann, als er wieder Schritte vom Wasser herauf hörte, so still wie er konnte zurückzog, die Mannschaft der kleinen Wache, die unbegreiflicher Weise noch nicht von dem doch zu diesem Zweck unten aufgestellten Posten alarmirt worden war, herbei zu holen.


An Bord der Kitty Clover hatte an diesem Tag, wenn auch nur unter Deck, eine besondere Thätigkeit geherrscht mit Klopfen und Hämmern, obgleich, wer das alte schmutzige Fahrzeug von außen sah, das kaum hätte vermuthen dürfen. An Deck trieben sich ein paar Matrosen schläfrig herum, oder stiegen langsam in das Takelwerk hinauf, hie und da ein Tau nachzusehn oder eine zersprengte Weveling[F] auszubessern, höchst aufmerksam jedoch stets signalisirend, wenn ein Canoe oder Boot dem Schiff zu nah kam, wo dann jedesmal das Klopfen und Hämmern in seinem Bauch schwieg, und Mac Rally vielleicht selber seine steile Cajütstreppe aufkletterte, nachzusehn was die Störung oben verursacht hätte.

[F] Die Querseile an den Wanten, die zu Strickleitern dienen.

Mit Sonnenuntergang kam etwas regeres Leben an Deck — die Leute beschäftigten sich mit einem der zur Vorsorge mitgenommenen und über dem Hinterdeck auf einem besonders dazu hergerichteten Gestell gehaltenen Boote, und nahmen es mehr nach vorn, etwa midschips, um es nachzusehn. Hoch postirt aber und längs der Schanzkleidung hin an Backbordseit, diente es zugleich dazu den weiter in der Bai liegenden Schiffen die Aussicht auf sein Deck, die überdies in der rasch einbrechenden Dunkelheit unsicher wurde, vollkommen zu versperren; auch nach Land zu war ein Ueberblick an Deck durch dort, wie zufällig, aufgehangene Matrosenwäsche theils, theils durch ein altes Segel, versperrt, und vier Fässer waren unter dieser Schutz an Deck geschafft worden und mit Tauen umwunden, um, sobald die Nacht vollständig eingebrochen sei, über Bord gelassen zu werden.

Eine günstigere Nacht hätte sich Mac Rally aber auch gar nicht zu seinem von O'Flannagan angegebenen Unternehmen wünschen können, das in nichts Geringerem bestand als zweihundert Stück Gewehre mit der nöthigen Munition, wie eben so viele Säbel, an den durch den Iren selber bestimmten Ort zu schaffen. Da man aber wußte daß die Küste an diesem Abend schon scharf bewacht wurde, und ein hoch aus dem Wasser gehendes Boot kaum unbemerkt hätte durchkommen können, waren die Waffen in gewöhnliche Thranfässer mit hölzernen Reifen förmlich verspuntet worden, und die Fässer selber mit ihrer Fracht eben nur so weit belastet, daß sie im Wasser, kaum drei oder vier Zoll über die Oberfläche vorragend, schwammen. Mit der Ebbe war dabei nichts weiter nöthig als sie zu steuern, wozu ihnen vier, schon an Bord befindliche Indianer mitgegeben waren, die sie ebenfalls schwimmend begleiten mußten. Mit einbrechender Nacht konnte dies wunderliche Floß, das sich in der That nur durch einen ganz schmalen schwarzen Streifen von der es umgebenden Wasserfläche unterschied, unmöglich vom Ufer aus, von dem es schon durch die Korallen auf etwa hundert und funfzig Schritt abgehalten wurde, erkannt werden. Mit der Lokalität genau bekannt, war auch keine Gefahr da, daß die Landenden vorher bemerkt wurden, wenn nur Jemand an Land die Aufmerksamkeit der dicht bei der eigentlichen Landung stationirten Schildwacht ablenken wollte, und der dort wohnende Franzose, durch dessen Garten die Fracht geschafft werden mußte, entfernt oder für ihr Unternehmen gewonnen werden konnte. Das erstere hatte O'Flannagan selber, das zweite Mr. Noughton — wie er sagte »durch seine Freunde« — übernommen.

Es war gerade mit Sonnenuntergang, der in diesen Breiten ziemlich regelmäßig um sechs Uhr das ganze Jahr hindurch einfällt, und der am Strand eben abgelöste Posten schritt, sein Gewehr im Arm, langsam auf der harten sandigen Fläche auf und ab. Mißtrauisch wohl manchmal nach Westen hinüberschauend, wo über den scharfzackigen Kuppen von Imoe schwarze düstere Wolkenschleier aufstiegen, hinter denen die Sonne schon eine ganze Weile verschwunden war, fesselte das ihn umgebende prachtvolle Schauspiel der Riffe doch weit mehr seine Aufmerksamkeit, und nicht satt sehen konnte er sich an den weißen schäumenden Massen, die in dumpfem Brausen, wenn auch zurückgeschlagen, immer auf's Neue mit ungeschwächtem Muth zum Kampfe eilten und ihre blitzenden schneeigen Kronen dem Feind in's Antlitz schleuderten. Dazu die wehenden Palmen über sich, der herrliche Duft der aus den etwas rauh geschüttelten Blüthen der Orangen und Wi's zu ihm herüberwehte, das leise Plätschern des kaum erregten Binnenwassers auf dem harten Sand, wie die Fluth fiel und das Wasser weiter und weiter nach See zurückwich — es war ihm froh und leicht um's Herz, und fast vergessend daß er hier eigentlich her postirt war in dies Paradies, als ein fremder dahinein gar nicht gehörender, feindlicher Körper, summte er sich doch ein munteres Lied und athmete die kühle würzige Luft ein — der Brust ein herrliches Gefühl nach dem schwülen dumpfigen Tag.

In jenen Ländern kennt man die Dämmerung kaum; der letzte Gluthenstreif der Sonne ist eben hinter dem Horizont verschwunden, und im Osten treten schon die Sterne sichtbar vor; heller und heller blitzen sie uns, wie es scheint fast die Nachbarlichter an dem eigenen Strahl entzündend, weiter und weiter der Sonne nach, und mehr und mehr Kraft gewinnend wie sie oben stehn; — so nicht fünfzehn Minuten später hüllt wirkliche Nacht die Erde ein, während noch der hellere Streif im Westen die Stelle kündet wo die Sonne kaum verschwunden.