»Halt steh da!« schrieen ihm einzelne Stimmen nach, denn seine dunkle Gestalt war von oben herab gegen den helleren Wasserspiegel sowohl als den weißen, durch die Ebbe bloßgelegten Sand des Strandes entdeckt worden, und drei Kugeln schwirrten zu gleicher Zeit nach ihm hinüber. Eine davon traf das Paket das er trug, und warf ihn fast durch den scharfen Druck zu Boden, die anderen beiden fehlten, und seine Last mit dem linken Arm nur fester umspannend, während er das dem ermordeten Posten abgenommene Gewehr in der rechten Hand trug, sprang er mit wenigen Sätzen durch den Garten, brach die kleine und ziemlich schwache Bambusthür nieder und erreichte eben die Guiaven-Dickung, als seine Verfolger dicht unter dem Weg erschienen und den Hang hinanstürmten ihn auch dort nicht aufzugeben. Jim aber feuerte hier, theils um sie zu schrecken, theils sich vielleicht Eines der Verfolger zu entledigen, das geladene Gewehr das er trug, ohne lang zu zielen, auf sie ab, und die Kugel schlug mitten zwischen ihnen durch in einen jungen Baum. Das aber zeigte ihnen auch welcher Gefahr sie sich hier, ohne die mindeste Aussicht auf Erfolg aussetzten, denn bei Nacht war in einem solchen Dickicht gar nicht daran zu denken die, noch dazu mit dem Terrain vertrauten Indianer einzuholen, und die weitere Verfolgung wurde auf morgen früh mit Tageslicht festgesetzt, bis wohin auch Verstärkung von Papetee herbeigeholt, wie die vermißte Schildwacht aufgefunden werden konnte, wenn sie nicht, wie man sie jetzt stark in Verdacht hatte, gemeinsame Sache mit den Eingeborenen gemacht, und mit ihnen auch in die Berge geflohen sei.
Capitel 7.
Consul Pritchards Gefangennahme.
Trommeln wirbelten und Patrouillen zogen in kleinen finsteren Trupps mit raschen Schritten durch die von der Morgensonne freundlich beschienene Stadt. Die Insulaner standen in kleinen Gruppen bestürzt beieinander, und die Mädchen liefen neugierig herüber und hinüber, zu sehn und horchen was geschehn, was vorgefallen sei, eine so plötzliche auffallende Veränderung in dem Benehmen der Fremden zu rechtfertigen. Keiner sprach, Keiner lachte mehr mit ihnen; barsch zurückgewiesen wurden sie, sobald sie sich ihnen nur näherten, und von den verschiedenen Schiffen landete Boot nach Boot, vollgedrängt von Bewaffneten, die verschiedene am Strand gelegene und der Königin gehörige Bambushäuser in Besitz nahmen, Wachen, ja Festungen daraus zu bilden.
Dumpfe Gerüchte verbreiteten sich indeß auch unter den Bewohnern von Papetee, die keine Ahnung irgend einer begonnenen Feindseligkeit haben konnten. Eine Parthie Waffen war gestern Nacht in Mativai Bai auf schlaue Weise an Land geschmuggelt; man hatte nicht allein einzelne Stücken, ein Bayonnet und mehre andere Kleinigkeiten an der Straße, sondern auch ein ganzes Paket mit Englischen Musketen in einem kleinen Cutter der dort vor Anker lag, gefunden, und gegen Morgen noch, wo man mit Fackeln nachgesucht, war der Leichnam der überfallenen und ermordeten Französischen Schildwache, ebenfalls ihrer Waffen beraubt, entdeckt worden. Viele Personen waren deshalb schon verhaftet, auf anderen lag schwerer Verdacht, und die herbeigezogene Truppenmasse schon allein genügte, die sorglose Stimmung der Eingebornen zu zerstören, und ihnen einigermaßen das Verhältniß in seinem wahren und grellen Licht zu zeigen, in dem sie zu den fremden Eindringlingen standen, und welche Stellung diese, ihnen gegenüber, einzunehmen gedachten.
Was sollte geschehen, was wollten diese von ihnen, und weshalb eine Armee in ihre Hütten werfen, die ihnen noch keinen Widerstand geboten, und jetzt überall durch die fremden unwillkommenen Gäste unwohnlich und beschränkt wurden. Die Häuptlinge traten zusammen und schickten Boten an die Missionaire ab, diese um Verhaltungsmaßregeln zu ersuchen; die geistlichen Herren fühlten aber daß ihr Regiment, für den Augenblick wenigstens, hier ausgespielt sei, und der einzige von ihnen, Mr. Pritchard, der sich durch die Flagge seiner Nation geschützt glaubte, zürnte offen und frei wie vor gegen die förmliche und muthwillige Eroberung, nein nicht einmal Eroberung, sondern einfache Besitznahme eines vollkommen friedlichen Landes an, dessen Fürstin sich jetzt nur gezwungen einer solchen Gewalt füge und wissen werde sich ihr Recht zu wahren, wenn die Zeit dazu gekommen sei.
Die Franzosen kehrten sich aber wenig an Herrn Pritchard; ihre Flagge wehte schon von fünf oder sechs occupirten Gebäuden, ihre Soldaten durchzogen die Stadt nicht allein, sondern setzten sich an dem obern wie untern Theil derselben fest, und Massen von ihnen, die Flinte und Seitengewehr so lange ablegten und zu Spitzhacke und Schaufel griffen, fingen nicht allein an auf der kleinen reizenden Insel Motuuta Verschanzungen aufzuwerfen, sondern auch, zum unbegrenzten Erstaunen der Bewohner von Papetee, Gräben zu ziehn und Erdwälle aufzubauen um die Stadt selbst herum, als ob sie sich gegen die Berge und das benachbarte Land vor einem Angriff sichern wollten, an den in der That noch wenige der Insulaner gedacht, und der ihnen dadurch erst vor die Augen gerückt und als möglich und ausführbar gestellt wurde.
Die Französische Regierung aber, oder vielmehr das Französische Regiment, das recht gut fühlte wie es bei einem wirklichen Angriff gut bewaffneter Insulaner, hier dicht von den Bergen überall eingeschlossen, mancher Gefahr ausgesetzt sein könne, suchte gleich im Anfang mit durchgreifenden Maßregeln allen solchen Versuchen entgegen zu arbeiten, und eine etwaige Empörung im Keim zu ersticken. Strenge schien hierbei vor allen Dingen nöthig und den Befehlshabern war deshalb besonders daran gelegen die Mörder des Franzosen heraus zu bekommen, oder wenigstens ihre Spur zu finden, von der es schon ziemlich bestimmt im Französischen Lager hieß daß sie in das Haus eines der Protestantischen Missionaire, vielleicht gar des Englischen Consuls führen würde. Mr. Pritchard mit seiner offnen und ungescheuten Predigt gegen ihre Macht war ihnen überhaupt ein Dorn im Auge.
Zu den ersten Maßregeln des Französischen Kommandanten gehörte es aber auch an diesem Morgen René Delavigne verhaften zu lassen, auf dessen Grundstück — ob mit seinem Vorwissen oder nicht mußte die Untersuchung erst ergeben — die Waffen ausgeladen waren und auf dessen, durch ihn hingeführten und dort gehaltenen Cutter man noch ein frisch eingenähtes Paket Waffen gefunden, das jedenfalls von Bord irgend eines der im Hafen liegenden Englischen Schiffe hinüberbefördert und dann während der Entdeckung und dem Angriff der Französischen Wache, dort zurückgelassen war. Sein spätes Außensein und seine doch sichere Bekanntschaft mit der dortigen Oertlichkeit wurde sogar mit der erschlagenen Wache in Verbindung gebracht, wobei ihm das nicht einmal zur Rechtfertigung dienen konnte, den Französischen Soldaten selber dorthin geführt zu haben, wo sie die Schmuggler entdeckten — jedenfalls waren die Vorräthe zu der Zeit schon in Sicherheit gewesen und die Möglichkeit lag unter jeder Bedingung vor, daß ein solcher Schritt, später gerechtfertigt dazustehn, ausführbar, ja sogar klug gewesen wäre.
Den Cutter, an dessen Bord man die Waffen gefunden, nahm die Regierung ebenfalls in Beschlag, ja er wurde sogar, nicht einmal blos vor der Hand in Untersuchung gelegt, sondern gleich ohne Weiteres confiscirt und zum Französischen Küstendienst requirirt — an Wiederherausgeben war gar kein Gedanke mehr.