Sadie erschrak, als an dem Morgen, an dem sie gehofft hatte dem wilden stürmischen Tahiti den Rücken zu kehren und hinüber zu flüchten in ihr friedliches, freundliches Atiu, Bewaffnete kamen ihren Gatten fortzuführen; aber rasch gefaßt, und dem Unvermeidlichen sich fügend, übersah sie auch bald daß René, vollkommen unschuldig an den Vorgängen des letzten Abends, auch bald gerechtfertigt wieder dastehn und natürlich freigegeben werden würde. Ernstlichere Folgen sah sie nicht und konnte sie nicht eine in einer solchen Maßregel sehn. Aber sie bezwang sich auch, dem Gatten gegenüber, noch weit gewaltiger, als ihr eigentlich zu Sinn war; sie wollte ihn nicht mit schwerem Herzen fortgehn lassen, wo er ja gerade Alles gethan hatte sie wieder froh und glücklich zu machen, und wenn das nun für den Augenblick noch nicht ging, so war das ja nicht seine Schuld sondern — das Herz schlug ihr doch laut und ängstlich wenn sie in diesem Augenblick daran dachte wer die Hand zu dem Ganzen geboten, und nur das Bewußtsein vermochte sie dabei vollständig zu trösten, daß Alles ja nur geschehn wäre ihr Vaterland von den Unterdrückern desselben zu befreien, und den Schwachen, Niedergeworfenen, gegen den starken und übermüthigen Feind zu schützen.
Nicht allein René wurde aber an dem Morgen verhaftet, sondern auch der kleine Mi-to-na-re, der allerdings schon mit Sonnenaufgang einen Versuch gemacht hatte das, die ganze Nacht umstellte Haus zu verlassen, von den Wachen aber verhindert war und nun mit nach Papetee abgeführt wurde.
»Armer Mitonare« sagte Sadie traurig, als er, aufgefordert der Patrouille zu folgen, an jenem Morgen sein Gebetbuch wieder in die linke Rocktasche hineinzwängte, und unverkennbar niedergeschlagen sich bereit machte dem eben nicht freundlich gegebenen Befehl zu gehorsamen — »armer Mitonare ist von seinem freundlichen Atiu hier herüber gerufen um Sorge und Noth zu haben, um des Glaubens Willen.«
Bruder Ezra schüttelte aber mit dem Kopf und sagte, keineswegs zufrieden mit der ganzen Begebenheit:
»Glauben? — der Glauben hat wenig genug damit zu thun — wir sollen glauben, Pudenia, und die Wi-Wis wissen Alles gewiß. Glauben — ja, ist ein schönes Ding, aber ein bequemes Haus dabei, und viel Brodfrucht — nicht so in der Welt herumlaufen und das schwere Buch hinten in der Tasche mitschleppen. Warum stecken sie Bodder Aue nicht ein?«
»Wer ist das?« sagte Einer der dabeistehenden Französischen Soldaten, der eben genug von dem Tahitischen Dialekt verstand, den Sinn zu begreifen, »wo ist der, den Du eben genannt hast?«
»Bodder Aue?« sagte Mitonare, und der ihm eigene Zug drollen Humors, der ihn auch in diesem Augenblick nicht verließ, spielte ihm um die Lippen — »Bodder Aue ist sehr guter Freund von mir auf Atiu — aber nicht hier — wenn wir ihn haben wollen können wir einen Brief schreiben; gehe wieder hinüber, sobald die Feranis keine Brodfrucht mehr für mich haben.«
»Fort denn, mein Bursche« sagte der Soldat ärgerlich, »wir haben lange genug hier getrödelt,« und während man René noch Zeit ließ, ein paar Briefe an Bertrand und Herrn Belard zu schreiben, die er augenblicklich abgegeben zu haben wünschte, wurde der kleine braune Missionair, unter den Spottreden und Witzen der Französischen Soldaten, die sich über seine unsinnige eingezwängte und unpassende Kleidung nicht wenig amüsirten, nach Papetee zu abmarschirt. Mitonare nahm aber die Sache ungemein kaltblütig — klemmte seinen linken Rockschoß wieder unter den Arm, setzte seinen hohen Hut auf und schritt so ehrbar und ernst zwischen den bärtigen Kindern eines andern Landes hin, und grüßte so würdevoll die ihn begegnenden Insulaner, von denen ihn Viele kannten und lieb hatten, daß sich der Spott der Soldaten endlich auch abstumpfte, und sie ihn ungefährdet weiter in das Hauptquartier lieferten.
René blieb übrigens, wie er auch Sadie zu ihrer Beruhigung vorhergesagt, nur wenige Stunden in Haft; leicht war es ihm durch seine Freunde zu beweisen, wie er wirklich den ganzen vorigen Nachmittag in Papetee zugebracht, und erst lange nach Dunkelwerden nach Hause aufgebrochen sei. Dort selber hatte er den Französischen Soldaten mitnehmen wollen, als sie die Schmuggler trafen; an eine Mitwissenschaft war nicht zu denken. Schwieriger wurde es ihm zu beweisen, daß der kleine Cutter die Waffen nicht an Bord gehabt, als er ihn dort bei sich vor Anker legte, und daß er der Mission selber gehöre machte die ganze Sache nur noch verwickelter. Es ließ sich kaum denken daß der junge, mit den Officieren auf so freundlichem Fuß stehende Franzose etwas Derartiges gegen seine Landsleute unternehmen, oder auch nur unterstützen würde, und dennoch mochten die Französischen Behörden eine solche Gelegenheit, die Mission selber in eine Untersuchung hineinzuziehen, nicht unbenutzt wieder entschlüpfen lassen — wer wußte ob nicht dann, wenn auch selbst nicht über diesen Fall, doch manches Andere an den Tag kam. Gern wurde deshalb auch die Bürgschaft der Herrn Belard und Brouard angenommen, René Delavigne augenblicklich wieder auf freien Fuß zu lassen, mit der Bedingung nur, Tahiti nicht zu verlassen, bis eben die Sache streng und vollkommen untersucht sei, wozu man sowohl seiner Gegenwart wie seines Zeugnisses glaubte benöthigt zu sein.
Nicht so leicht sollte dagegen Bruder Ezra davonkommen, und trotz dem Protest der Missionaire, die es als einen Eingriff in ihre Religion betrachtet haben wollten einen fungirenden Missionair auf nur flüchtigen Verdacht hin seinem Amt zu entziehn, trotz der eben so ernsten Reclamation des Englischen Consuls, der in dem Indianer, als aktivem Mitglied einer Englischen Missionsgesellschaft, auch einen Englischen Bürger zu sehen glaubte oder zu sehen behauptete, behielt man ihn im Verwahrsam, und die Antwort die dem Englischen Consul wurde, war: sich selber in Acht zu nehmen und von gefährlichen Demonstrationen fern zu halten, wenn er nicht gleiches Schicksal — vielleicht noch Schlimmeres, gewärtigen wollte.