René's kleiner Haushalt befand sich indeß in wilder ungemüthlicher Verfassung; Alles war gepackt gewesen, und nur gezwungen hatten sie im Anfang das Nothdürftigste wieder herausgenommen, immer noch hoffend daß sich die unangenehme Sache freundlich erledigen würde; aber Tag nach Tag verging ohne daß eine Entscheidung kam, und René seines Wortes, Tahiti nicht zu verlassen, entbunden worden wäre. Er war selber mehrmals bei Mons. Bruat, dem jetzt ernannten Gouverneur und wurde von ihm artig empfangen; dieser behauptete aber die Untersuchung unter keiner Bedingung aufgeben zu können, bis er zu einem Resultat gekommen sei, und René stände als Eigenthümer des Grundstücks wo die Waffen geschmuggelt wären, ja als zeitweiliger Eigenthümer sogar des Schooners, der Sache zu nah, sein Zeugniß, falls etwas auftauchen sollte was Licht darin geben könnte, zu entbehren. »Augenscheinlich« setzte er dann zwar höflich aber ziemlich bestimmt hinzu, »wisse er auch mehr über die Waffen, als er für gut finde, vielleicht durch seine enge Verwandtschaft mit den Eingebornen dazu veranlaßt, auszusagen, und wenn es seinem bekannten Charakter nach auch nicht wahrscheinlich wäre, daß er selber irgend etwas Feindseliges gegen seine eigenen Landsleute unternehmen, oder auch nur dulden würde, so lange er es eben verhindern könnte, sei die ganze Verhandlung noch keineswegs klar genug, so rasch und vollkommen wieder aufgegeben zu werden; das aber müsse in der That geschehn, wenn er ihn jetzt seines Wortes entbinden wolle.« Uebrigens bot auch Gouverneur Bruat, wie vor ihm der Kommandant d'Aubigny dem jungen Mann an in Französische Dienste zu treten, wodurch er ihm besonders zu beweisen hoffte, daß gegen seine Person nicht der mindeste Verdacht vorliege. Zu gleicher Zeit machte er ihn besonders darauf aufmerksam, welch wohlthätigen vermittelnden Einfluß er da oft werde im Stande sein auf einzelne Verhältnisse auszuüben: René erklärte aber bestimmt, hier in Tahiti nie einen Degen gegen die Eingebornen führen zu wollen, und das sei am Ende bei einem Ausbruch der Insulaner, sobald er wirklich eingetreten wäre, nicht zu vermeiden, lehnte deshalb auch das Anerbieten zwar dankbar, aber doch bestimmt ab.

Das Belard'sche Haus hatte er aber noch nicht wieder betreten — ja sogar auf das Aengstlichste vermieden nach Papetee zu kommen. Er fühlte welche Gefahr dort für ihn lag, die er jetzt nicht einmal mehr vor sich selber verbergen konnte; ja auch Susanna mußte durch seinen Abschied, und die Worte die er in der furchtbaren Erregung des Augenblicks gesprochen, gesehen haben welchen Eindruck sie auf ihn gemacht, und wie ihre Nähe den Frieden seines Hauses, seines Lebens zu stören, zu untergraben drohe, wenn er nicht mit fester männlicher Kraft dagegen ankämpfe, und die Leidenschaft niederhalte, die zwei Wesen zu verderben drohte. Monsieur Belard hatte ihn allerdings schon mehrmals auf der Straße getroffen, wo ihn Geschäfte in das Gouvernements-Gebäude riefen, er erklärte aber jeden Augenblick die Erlaubniß zu erwarten Tahiti zu verlassen, und wolle den Abschied von ihm so lieb gewordenen Freunden nicht zum zweiten Male durchleben, da er einmal überstanden. Mons. Belard lachte dazu, und meinte er spreche von einem solchen Abschied als ob er auf's Schaffot solle, und nicht nach einer nur wenige Meilen entfernten Insel überzusiedeln gedenke, hatte aber immer zu viel Geschäfte dabei im Kopf, lange auf dem Thema zu verweilen, und kam bald, von René rasch dabei unterstützt, auf irgend etwas Anderes, Gleichgültigeres zu reden.

Recht wilde trübe Zeiten waren das für ihn, und mehr und mehr drängte es ihn dann nach Hause zurück, wo Sadie, sein liebes treues Weib mit unermüdlicher Liebe schaffte und sorgte, ihm wenigstens daheim das Alles vergessen zu machen, was ihm die Menschen draußen weh gethan. Das, glaubte sie auch, drücke ihm das Herz, er wäre ja sonst nicht immer so traurig und verstimmt zu Haus gekommen und bleich und schwermüthig geworden, gar nicht in seiner Art, wo ihm ja doch das Liebste wohnte was er sein nannte auf dieser Welt. Aber sie scheuchte auch die Wolken von seiner Stirn und rief das Lächeln wieder auf seine Lippen, wie in alter Zeit; und wenn die Kleine dann auf seinem Schoos spielte und sie sich an ihn schmiegte, plauderte sie ihm von Atiu und den lieben Plätzen die sie dort wieder besuchen würden; von dem stillen Sitz an dem Palmenhang; von dem Ihiamoea oben im Dickicht, wo er die böse Nacht verbracht; von der kleinen Veste auf der Hügelspitze wo er sie zuerst gesehn und sie ihn fortgeführt hatte in das friedliche Missionshaus an der Bai — und von den seligen, seligen Stunden die sie da verlebt.

René lauschte, das glückliche Weib an seinem Herzen, wie in einem Traum, der all die lieben Bilder wieder heraufbeschwor vor sein inneres Auge; aber immer und immer wieder mußte er sich zwingen dazu, das Alles keinen Traum zu nennen, wo der Wiedergewinn ja fast im Bereiche seines Armes lag, und doch ein Schatten aufstieg zwischen dem Bild und seinem Herz. Und daß er das fühlte, daß er das erkannte machte ihn unglücklich. »Du sündigst« flüsterte es in seiner Brust mit rastlosem, nimmer endendem Klang, »Du sündigst« sprach jeder Liebesblick aus den Augen seiner Sadie, »Du sündigst« drängte ihm vorwurfsvoll das unschuldliebe Lächeln seines Kindes entgegen, »Du sündigst« donnerte die Brandung, die ihn einst in Schlaf gesungen, in Liebe und Glück.

Wie um vor sich selbst zu flüchten, hatte er den Vater Conet wieder aufgesucht, der in zarter Rücksicht bis dahin sein Haus lange Zeit nicht betreten, weil er fürchtete daß seine Stellung zu den Protestantischen Geistlichen Uneinigkeit säen könne in stilles häusliches Glück; er forderte ihn jetzt selber auf sie zu besuchen, oft zu besuchen, so lange er noch auf Tahiti sei, und er hoffte Trost in dem Umgang des freundlichen verständigen Mannes zu finden. Aber der Muth gebrach ihm wirklich dem Freunde, der sogar nach seiner Religion berechtigt war eine solche Offenheit zu fordern, das zu gestehen was ihm das Herz erfüllte, was es quäle, und Alles das trug er fest in sich verschlossen und allein, und kämpfte still und männlich dagegen an. Es war ein Kampf der Verzweiflung Fuß an Fuß, und in der Gefahr nur wuchs ihm erst die Kraft.

Auch Bertrand hatte ihn in der letzten Zeit häufiger besucht, aber fast nur ihm zuzureden der Einladung des Gouverneurs zu folgen, und wieder in eine Stellung im Leben einzutreten, die seinem Geist und Herzen doch auch mehr bot als eine bloße Existenz, die ihm eine Aussicht auf spätere Zeiten bahnte, ehrenvollere Stellung einzunehmen auf dieser Welt, als eben nur das Bewußtsein zu haben daß man ist und athmet. Auch Vater Conet stimmte darin dem jungen Officier vollkommen bei, René sei, wie gar keinem Zweifel unterliege, noch viel zu jung, auch nur daran denken zu können sich von der Welt ganz zurückzuziehn, die ebenfalls ihre Forderung an ihn habe und sich ihr Recht dann doch einmal über kurz oder lang zu wahren wisse. Beide bestritten ebenfalls, daß ihm das Leben der Inseln auf die Länge der Zeit genügen würde und könne, und wie sich alle seine Landsleute für später solche Aussicht offen gelassen — eine Aussicht die bei Allen fast, mit nur sehr wenigen Ausnahmen eine Hoffnung wurde — so werde auch er einmal den Drang wieder in sich fühlen nach Frankreich zurückzukehren, an dessen weit geselligeres Leben sich dann auch Sadie, schon jetzt mit den Sitten, der Sprache des fremden Volkes bekannt und befreundet, leicht und gern gewöhnen würde.

Sadie schüttelte bei solchen Reden recht ernst und ängstlich mit dem Kopf; sie hatte genug von Französischem Leben hier auf Tahiti gesehn, sich nicht weiter da hineinzusehnen, und in einem Lande zu leben wo sie weiter gar Nichts mehr sehen sollte als fremde unbekannte Gestalten, wo ihr die lieben Palmen fehlten und das fröhliche Lachen der fröhlichen Kinder ihres sonnigen Vaterlands? — Nein, nein, dahinein paßte sie nicht, und sie würde und müßte vergehen dort, in Sehnsucht und Heimweh.

Auch René hatte dagegen seine heimlichen Bedenken, Gedanken die in ihm laut wurden und Form gewannen, er mochte sich dagegen stemmen und wehren so viel er wollte.

Mata Oti, der Bursche, war ebenfalls mit Bruder Ezra von den Französischen Behörden eingezogen worden, etwas mehr aus ihm herauszubringen über jene Nacht, als ein bloßes aita vau i ite — ich weiß es nicht — und Sadie hatte dafür ein Mädchen zu sich genommen, die ihr die Dienste des Knaben ersetzen sollte. Nai Nai war über die Blüthe der Jahre hinaus, wenn auch noch gar nicht so alt, und obgleich sie vor sechs oder acht Jahren noch ein recht hübsches Mädchen gewesen sein sollte, doch jetzt abgefallen, mager und selbst häßlich geworden. Eine eigene Wuth die sie dabei hatte Europäische Kleider und besonders Hüte zu tragen, zeigte sich nicht im Stande ihre Reize zu erhöhen, und Sadie lachte darüber, aber auf René machte es einen peinlichen Eindruck, so peinlich daß er zuletzt Sadie bat sie wieder fortzuschicken, wenn er ihr auch keinen Grund dafür anzugeben vermochte. Sadie versagte ihm nie einen Wunsch, wenn es in ihren Kräften stand ihn auszuführen, und Nai Nai wurde wieder hinüber nach Imeo geschickt, von wo sie gekommen, und von einem hübschen jungen Mädchen ersetzt.

Wenige Wochen waren solcher Art nach den im vorigen Capitel beschriebenen Vorgängen verflossen, und wenn sich auch die Insulaner schon ziemlich über den Verlust ihres Missionairs und Consuls beruhigt hatten, sollte bald wieder ein Gewaltstreich der Fremden diesem scheinbaren Frieden ein Ende machen.